Drachenläufer



Was wissen wir schon über Kabul? Meist verbinden wir mit der Hauptstadt Afghanistans Bilder von Attentaten auf US-Soldaten oder Antonia Rados, die irgendwelche Panzerkolonnen begleitet oder in Deckung geht. Marc Forsters neuer Film Drachenläufer bringt uns das Land Afghanistan auf wundervolle Art näher. So wie wir es kennen, jedoch auch so wie wir es sonst wohl nie kennenlernen würden.

Der Film handelt von der Beziehung der beiden Jungen Hassan und Amir, die zum einen durch die soziale Hierarchie (Hassan, der zu den diskriminierten Hazara gehört, ist Amirs Diener) und zum anderen durch eine große Freundschaft und die Leidenschaft für Papierdrachen verbunden sind. Diese Beziehung wird jedoch durch einen tragischen Zwischenfall gestört und die beiden verlieren einander. In einer anderen Zeitebene begegnen wir als Zuschauer dem erwachsenen Amir, der als erfolgreicher Schriftsteller von seiner Vergangenheit eingeholt wird.

Angesichts der Rahmenhandlung könnte man zunächst einen kitschig anmutenden Streifen erwarten. Schnell wid jedoch klar, dass hinter dem „Drachenläufer“ deutlich mehr steckt und Regisseur Marc Forster es mal wieder schafft die Kitschfallen mit viel Geschick zu umschiffen. Souverän kontrolliert er den narrativen Drachen, überläßt der glänzenden Geschichte Freiheit, wechselt die Zeitebenenen und nutzt die Mittel des Filmmediums, um die Vorlage des Schriftstellers Khaled Hosseini gekonnt umzusetzen.

Neben der bewegenden Geschichte funktioniert der Film ebenfalls als Zeitzeugnis. Schließlich umfasst die Geschichte die vergangenen drei Jahrzehnte und bietet somit ein interessantes Porträt des gebeutelten Landes, das dem Zuschauer aus der Sicht der heranwachsenden Hauptfigur vermittelt wird. Angefangen bei den Diskussionen um die politische Ausrichtung des Landes, die Harmonie und Idylle mit einigen Konflikten, die der Junge im Afghanistan seiner Jugend vorfindet, über den historischen Riss durch die Eskalation und die militärische Intervention der Sowjetunion ende der 70er Jahre bis hin zur Barberei des Taliban-Regimes. Für diese Zerrissenheit des Landes fand Regisseur Forster zahlreiche prägende Bilder, die den Wandel und die jeweilige Stimmung perfekt einfangen.

Wie man den Bonus Features (zwei Dokumentationen zur Buchvorlage bzw. der Adaption und ein Kommentar) der DVD entnehmen kann, handelt es sich bei der Verfilmung um eine Kooperation, an der auch der Buchauthor selbst beteiligt waren. Eine Kooperation bei der wohl jeder als glänzender Sieger davongeht. Khaled Hosseini aufgrund der fantastischen Buchvorlage, David Beinoff aufgrund des Drehbuchs und insbesondere Marc Forster, der sich nach „Stranger Than Fiction“, „Stay“ (ebenfalls eine Zusammenarbeit mit Beinoff‘) und „Monster’s Ball“ nun endgültig an die Spitze herangezaubert hat.
[Sebastian Jegorow]

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