Sven Regener – Der kleine Bruder


Sven Regener, der mit seiner Alltagspoesie als Songwriter der ewigen Romantiker von Element Of Crime mal um mal Herzen flickt und den Soundtrack zu jedem Beziehungs-Anfang und -Ende deines Lebens beisteuert, hat einen neuen Roman. Und wie bei keinem anderen Buch, lohnt sich hier der Griff zur Hörspielfassung. Grund hierfür ist der Vorleser, sprich der Autor selbst, durch dessen Lesungen die Geschichten um Frank Lehmann auch im dritten Buch der Trilogie eine Extraportion Charme erhalten.

Zunächst ist da Verwirrung angesichts Regeners beachtlichen Lesetempos. Fast schon so, als wenn der Autor sich der Länge seines Vortrags (letztendlich immerhin wieder fünf CDs) bewußt wäre. Insbesondere wenn man zuvor einen gemütlichen Christian Brückner Vortrag gehört hat, wirkt Regener bei der Hörspielfasung des „kleinen Bruders“ zunächst wie auf Speed. Beim Zuhören wird jedoch klar, hier ist einer im Redeschwall…Regener hat sich von der ersten Silbe an in Rage geredet. Und wenige Worte später ist man mitten im Geschehen, sprich zurück in den frühen 80ern. Mit Frank Lehmann und seinem Freund Wolli unterwegs nach West Berlin, wo das Leben wie Tubaspielen ist, „Hauptsache, du pupst ordentlich rum!“. Into the great wide open. Regeners überhastete Redeweise, die zu der herrlichen Syntax seiner Sätze passt, wirkt plötzlich völlig natürlich.

Die Handlung des mittleren Teils der Lehmann-Trilogie? Herr Lehmann, der in „Die neue Vahr Süd“ zum Schluß einen Selbstmordversuch unternommen hat und erfolgreich aus der Bundeswehr geflogen ist, läßt im November 1980 seine Heimat Bremen hinter sich und macht sich auf den Weg zu seinem älteren Bruder nach West Berlin. Franks Zukunft, in der er „Herr Lehmann“ genannt wird ist ebenso fern wie die Menschenmassen, die den Mauerfall feiern und die frische Luft eines neuen Deutschlands atmen. Im Zentrum des mittleren Teils der Trilogie steht eine schräge Hausbesetzerszene in West Berlin. Hier sind alle Punks oder Hippies, Künstler oder Hausbesetzer, Vorderhaus oder Hinterhaus und grenzen sich mit aller Macht doch voneinander ab. Im Grunde genommen ist jedoch so ziemlich alles „scheißegal“. in den sonderbaren Alltag geworfen begegnet Lehmann Überlebenskünstlern wie P.Immel, dem Sänger der Band Dr. Fotz, und sammelt Kapitel für Kapitel die Scherben auf, die sein verschollener Bruder hinter sich gelassen hat.

Der Rest ist Geschichte, die es mal wieder Wert ist entdeckt zu werden. All dies getränkt in die typischen Bestandteile eines Lehmann-Romans. Franks verschachtelten Gedankengänge, die immer wieder in eine Metaebene abgleiten und die famos frischen Dialoge mit unzähligen amüsanten Weisheiten. Der Humor und die Lockerheit der Erzählung passen mal wieder perfekt zu Sven Regeners Vortragsweise und seiner unverkennbaren Mundart.

Knapp zwei ganze Runden um den See hat es gedauert. Nun ist das Hörbuch zuende und ich bin als Rezipient mal wieder entzückt und hoffe, dass aus der Trilogie zumindest eine Quadrologie wird. Herr Lehmann als alter reifer Mann in unserer Gegenwart, das wäre doch etwas. Soweit vielen Dank Herr Regener.


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0 Gedanken zu “Sven Regener – Der kleine Bruder

  • PP.

    Ich habe mich riesig auf den dritten Teil gefreut und wurde nicht enttäuscht. Einzig die Figur Harry habe ich vermisst.