Wong Kar Wai



Eine Frau erfährt, dass ihr Freund sie für eine andere Frau verlassen hat. Daraufhin verbringt sie die kommenden Nächte in einem New Yorker Café und führt lange Gespräche mit dem Besitzer. Plötzlich verschwindet sie und begibt sich auf einen Selbstfindungstrip durch die USA. Sie lernt dabei verschiedene Menschen und ihre Geschichten kennen, um am Ende mit all ihren Erlebnissen und Erfahrungen wieder in New York zu landen.

Diese Geschichte hört sich nicht unbedingt nach einem spannenden Plot für einen Kinofilm an. Ganz anders sieht es aber aus wenn man weiß, dass der Regisseur Wong Kar Wai heißt, und diese wenigen Sätze im Wesentlichen den Inhalt seines letzten Films „My Blueberry Nights“ wiedergeben. Wong Kar Wai gehört, neben Ang Lee („Brokeback Mountain“) und Zhang Yimou („House Of Flying Daggers“), zu den bekanntesten Regisseuren Chinas. Während frühere Werke wie „As Tears Go By“ und „Chungking Express“ seinerzeit noch Geheimtipps waren, gelang ihm 1997 mit „Happy Together“ der internationale Durchbruch, der mit der goldenen Palme in Cannes als bester Regisseur seinen Höhepunkt erreichte. Der Film handelt von einem schwulen Paar, das nach Argentinien auswandert, um einen Neuanfang zu wagen und die nicht mehr ganz so intakte Beziehung zu kitten. Überhaupt sind Liebe und Beziehung die Kernthemen in den meisten Filmen von Wong Kar Wai. Bei „Happy Together“ kann man schon die ungewöhnlichen Bilder entdecken, die die Filme des chinesischen Regisseurs so einzigartig machen: Zeitraffer, Zeitlupe, ausufernde Großaufnahmen, harte Kontraste, surreal leuchtende Farben und ungewöhnliche Kameraeinstellungen, die der Film nicht zuletzt dem Kameramann Christopher Doyle verdankt. Mit diesem arbeitete Wong Kar Wai auch bei „In The Mood For Love“ und „2046“ zusammen, den beiden Werken, die wohl den bisherigen Höhepunkt des Regisseurs markieren.

„In The Mood For Love“ spielt in Hong Kong zu Beginn der 60er Jahre und handelt von Chow (Tony Leung Chiu Wai ) und Su Li-Zhen (Maggie Cheung). Beide ziehen, zusammen mit ihren jeweiligen Ehepartnern, in ein Mietshaus ein. Da beide oft allein sind, entsteht eine zarte Freundschaft, die zunehmend intensiver wird. Nach einiger Zeit müssen sie feststellen, dass ihre Ehepartner, die man im Laufe des Films nicht einmal zu Gesicht bekommt, ein Verhältnis miteinander haben. In ihrer gemeinsamen Trauer und Fassungslosigkeit verlieben sie sich zwar ineinander, können aber doch nicht zueinander finden.

Eine Besonderheit bei seiner Art Filme zu drehen hat bei den Arbeiten zu „In The Mood For Love“ zu einigen Komplikationen geführt. In der Regel gibt es bei Wong Kar Wai kein vollständiges Drehbuch, sondern er entscheidet direkt am Set, wie eine Szene genau aussehen soll, oder er improvisiert. In Peking, wo der Film eigentlich gedreht werden sollte, wollte man aber vor einer Drehgenehmigung auch ein entsprechendes Drehbuch vorgelegt bekommen. Da dies nicht möglich war, wurden die Dreharbeiten kurzerhand nach Macao verlegt. „2046“ ist die Fortsetzung von „In The Mood For Love“, funktioniert aber auch als eigenständiger Film. Er erzählt die Geschichte von Chow, ein paar Jahre nach seiner verhängnisvollen Begegnung mit Su Li Zhen. Er arbeitet als freier Schriftsteller von erotischen Geschichten. In einem Roman mit dem Titel 2046 versucht er vergangene und auch aktuelle Liebschaften zu reflektieren und zu verarbeiten. Neben dem Titel des Romans den Chow schreibt, findet sich die Zahl 2046 auch an anderer Stelle wieder. Sie ist einer der vielen Hinweise auf „In The Mood For Love“. Das Zimmer, in welchem sich Chow und Su Li Zhen getroffen haben, hatte diese Nummer. Auch der Name seiner Geliebten taucht in „2046“ wieder auf.

Eine Frau, mit der Chow ein Verhältnis hatte, trägt eben diesen Namen. So ließen sich die Hinweise weiter aufzählen. Im Laufe des Films verschwimmen Realität und Fiktion des von Chow verfassten Buches. Am Ende muss Chow erkennen, das es für ihn nur eine große, unerfüllte Liebe gab. „2046“ ist mit Sicherheit ein Meisterwerk, wenn es um das Inszenieren von elegischen und opulenten Bildern geht. Jede Einstellung, jedes Bild möchte man sich gerahmt an die Wand hängen. Wong Kar Wai erzählt viel weniger eine Geschichte, sondern zaubert mit allen erdenklichen stilistischen und erzählerischen Mitteln ein Gesamtkunstwerk auf die Leinwand, das, unterstrichen von außergewöhnlicher Musik, in Melancholie, Sentimentalität und dem all zu flüchtigen Gefühl der Liebe schwelgt. “2046” besticht auch durch sein „Who is Who“ der chinesischen Kinowelt.

Neben Tony Leung Chiu Wai und Maggie Cheung, die man bereits aus “In The Mood For Love” kennt, trifft man hier zum Beispiel auf Zhang Ziyi (“Hero”, “Die Geisha”) und Gong Li (“Hannibal Rising”, “Die Geisha”) die mittlerweile auch in der europäischen und amerikanischen Kinolandschaft bekannt sind. Nicht zuletzt diese Riege an hervorragenden Darstellern und Darstellerinnen, macht es Wong Kar Wai möglich, seine faszinierenden Bilder zu entwerfen.

Nach „2046“ folgte dann nur noch „The Hand“, Wong Kar Wais Beitrag zu dem Episodenfilm „Eros“, bevor der Regisseur, dessen Markenzeichen es ist, so gut wie nie seine Sonnenbrille abzusetzen, mit dem am Anfang beschriebenen „My Blueberry Nights“ seinen ersten Film in den USA drehte. Nie mehr wieder wollte er einen typischen Wong Kar Wai-Film drehen – so ganz gelungen ist ihm dies aber nicht. Selbstverständlich gibt es Unterschiede zu seinen bisherigen Werken: die Schauplätze, die Darsteller und ein eher untypisches Ende. Am meisten fällt wahrscheinlich auf, dass der Film insgesamt leichter zugänglich ist.

Trotzdem ist es aber auch ein Film, der die für den chinesischen Regisseur so typischen Bilder und Einstellungen zeigt, was ein wenig überraschend ist. Seit langer Zeit saß zum ersten Mal nicht Christopher Doyle hinter der Kamera, sondern der Iraner Darius Khondji. Bereits bekannte stilistische Mittel wie Zeitraffer und Zeitlupe werden teilweise exzessiv eingesetzt. Die Besetzungsliste von „My Blueberry Nights“ kann auch hier wieder mit bekannten Namen punkten: Jude Law, Rachel Weisz, David Strathairn und Natalie Portman werden hier von Wong Kar Wai phantastisch in Szene gesetzt und laufen zur Höchstform auf. Zu diesem Cast stößt Norah Jones die Elizabeth verkörpert, um die es in dem Film eigentlich geht. Leider wird sie den Ansprüchen eines solchen Filmes nur bedingt gerecht und wirkt oft farblos. Im Vergleich zu ihren FilmkollegInnen verblasst sie gar zu sehr. Wirklich negativ kann man das dem Film jedoch nicht anlasten, da sie über eine lange Strecke mehr eine Beobachterin des Geschehens um sie herum ist. Als wirkliche Akteurin im Mittelpunkt der Handlung ist Sie im Wesentlichen zu Beginn und am Ende zu sehen.

Auch wenn Wong Kar Wai selbst seine Filme nicht als Liebesfilme bezeichnet – er bezeichnet sie vielmehr als Prolog bzw. Epilog zu einer Liebe – so behandelt auch „My Blueberry Nights“ dieses Thema. Kritiker bemängeln, dass dem Film die Aussage fehlt und er nur Alltagsweisheiten und Banalitäten zu bieten hat. Im Kern ist dies gar nicht mal falsch. Allerdings bemüht sich Wong Kar Wai, das Leben und seine manchmal verschlungenen Wege und Ereignisse darzustellen, und das Leben besteht nun mal zu einem nicht unerheblichen Teil aus diesen Banalitäten und kleinen Erkenntnissen.

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