The Felice Brothers



Es gibt sie noch, diese ehrlichen Musikmärchen, die oberflächlich gesehen an den American Dream erinnern, aber nach genauerer Betrachtung relativ wenig mit dem Gedanken Benjamin Franklins und Anderer zu tun haben – dazu genügt ein Blick auf die Texte der Felice Brothers. Das Quartett zog es vom Musizieren auf der väterlichen Catskills-Veranda ins grell-blinkende New York City. Gewohnt wurde dort zu viert in einem kleinen, abgewetzten Brooklyner-Apartment und im bandeigenen Short Bus (einer dieser kleinen gelben amerikanischen Schulbusse) – also alles andere als das schillernde und vielzitierte New Yorker Hochglanzleben. Man spielte vor U-Bahnstationen und auf sogenannten Farmers Markets. Und genau auf solch einem Bauernmarkt entdeckte der Musikjournalist Gabe Soria die Felice Brothers und nahm sich ihrer an.

Nach dem glücklichen Zusammentreffen erschien kurz darauf das erste nicht selbstverlegte Album und anfänglicher Erfolg und Beachtung kam durch die Tür; allerdings in Europa (speziell England) und nicht in dem Land, nach dem die Band so unverwechselbar klingt, den USA.

Dort fasst der Vierer erst in den letzten Monaten richtig fuß und fand vor nicht allzu langer Zeit bei Team Love (das Label von Conor Oberst) seine amerikanische Plattenfirmenheimat. Hinter dem Namen ’The Felice Brothers’ verstecken sich tatsächlich vier Brüder. Ian (Vocals, Gitarre, Piano), Simone (Vocals, Gitarre, Schlagzeug) und James (Vocals, Akkordeon, Geige, Orgel etc.) sind Geschwister und der Rumtreiber Christmas wurde vor ein paar Jahren kurzerhand adoptiert und zeichnet sich in der Band nun für das Basszupfen verantwortlich. Herrlich altmodisch (im Sinn einer heißgeliebten und durchgewetzten Jeans und nicht eines
Fernsehabends mit Florian Silbereisen und Thomas Gottschalk) geht es bei der Musik der unrasierten Familienbande zu.

Unüberhörbar und mit breiter Brust zitiert man Bob Dylan, The Band, den akustischen Springsteen, Neil Young oder die Fundamente amerikanischer Songwriterkunst Woody Guthrie und Leadbelly (ein Cover seines “Take This Hammer“ befindet sich auf dem Debütalbum der Jungs).

Akustische Gitarren, wechselnder (wobei Ian hier den größten Anteil bekommt) bis mehrstimmiger Gesang, sympathisch-rostige Blasinstrumente, Saloonklaviere, tragende Americana-Pfeiler, Appalachen-Folk, die Schnittmenge aus Country und Bluegrass, Big Pink-Reminiszenzen und eine Prise Dixieland prägen und kennzeichnen die geistigen Nachfahren der “Basement Tapes“. Wer die beiden bisher regulär erschienen Alben der Felice Brothers – das 2007er Debüt “Tonight At The Arizona“ und der selbstbetitelte 2008er Longplayer “The Felice Brothers“ (darüber hinaus gibt es noch zwei selbstveröffentlichte Platten namens “Through These Reins And Gone“ und “Adventures Of The Felice Brothers Vol. I.“) – hintereinander hört, bekommt einen Einblick in die Entwicklung, Zielsetzung und Bandbreite des nordamerikanischen Quartetts. Stillstand wird trotz aller altmodischen Attitüden erst gar nicht in Kauf genommen. Verkörpert das Debüt noch eine Art verträumt-verkatert-verschneiten Winterspaziergang (nicht nur wegen des hommageartigen Covers), so entwickelt sich “The Felice Brothers“ nach dem zierlichen Opener “Little Ann“ zu einem euphorischen Volksfest, die Felice’sche Variante eines Frühlingsfests der Folkmusik.

Ob es die kalte, durch eine auffliegende Tür hereinkommende, Winterböhe ist, die dir bei “Hey Hey Revolver“, “Ballad Of Lou The Welterweight“ und “Roll On Arte“ (alle stellvertretend für das Debüt) um die Nase weht, oder die deftige Brise eines zu Ende gehenden Maitags von “Frankie’s Gun!“, “Radio Song“ und “Greatest Show On Earth“ (stellvertretend für Album #2) – bei den Brothers knarren die Musikdielen ordentlich und strotzen nur so vor identitätsstiftenden Hand- und Fußabdrücken.

The Felice Brothers sind für Menschen die Big Pink oder das braune The Band-Album hören – und denken, „solche Musik wird heutzutage einfach nicht mehr gemacht“ – , der heißeste Tipp seit dem letzter Walzer. Es gibt sie noch, diese ursprüngliche, andächtige und holzknirschende Ausgelassenheit aus dem Großraum Woodstock/Catskills/Upstate New York. Seit Wochen prangert oben auf der offiziellen Felice Brothers-Homepage der bezeichnende Header: “The Felice Brothers: American Music“. Dem ist nichts hinzuzufügen!
[Sascha Knapek]

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