Nils Koppruch im Gespräch


“Was weinst du dir die Augen aus, sag’ an was tut dir weh?” hätte mich einer fragen können, nachdem ich die Nachricht vom Ende der Band Fink gelesen habe. Wer sollte diesen Wortwitz, die Stimme und die Spielfreude schon ersetzen? Vermutlich kam kurze Zeit später irgendein Mädchen, jedenfalls hat der Fan den Split von Fink irgendwie überlebt und durch die Ankündigung einiger kleiner Festivalauftritte machte Nils Koppruch, Kopf der Band und Maler, Hoffnung auf etwas Neues.

Und kaum schöner könnte der Trost ausfallen, wenn man ein knappes Jahr nach dem Split sein Solodebüt im Player drehen lässt und alles beim Alten ist. Und alt bedeutet Folk, Melancholie, über den Wortwitz schmunzeln “und später ein Schnaps und dann schlafen”. Bereits beim ersten Track fragt sich der Hörer wie eine Platte weitergehen soll, die mit einem der stärksten Koppruch-Songs beginnt. Der ersten Single Den Teufel tun. Und auch bei den übrigen Stücken schafft Nils Koppruch es tatsächlich die Qualität zu halten. Komm küssen ist ein leichtfüssiger Arschwackler und So wie im Film einer dieser schleppenden Folksongs, die an das rote Fink-Album erinnern. Alles in allem ein gelungenes Album, das die Songs ungeschminkt in den Fokus setzt. Nils Koppruch hat uns einige Fragen zum Album und seiner Arbeit als Künstler beantwortet.

SR: Eine der großen Stärken von Fink war der ständige Wandel. War das Ende der Band eine weitere Maßnahme gegen den Automatismus oder gab es andere Gründe für den Split? Bei der Tour zu ‚BAM BAM BAM‘ wirkte die damalige Fink-Besetzung ja an sich wie eine perfekt eingespielte Band.

Nils Koppruch: Die Experimentierfreude und stetige Erweiterung des musikalischen Kosmos’ von FINK unterlagen keinem Automatismus, sondern basierten immer auf konkreten Entscheidungen und dem Selbstverständnis den eigenen Sound nicht bis zur Stagnation zu verfeinern, sondern zu erweitern und sich immer neue Ausdruckmöglichkeiten zu erschließen. Alle Finkbesetzungen – nicht nur die der BAM BAM BAM Tour- waren sehr, sehr gute Live-Bands. Der Umstand, dass FINK im Laufe der Jahre mehrere sehr tolle Besetzungen hatte, machte es aber immer schwerer Fink als konstante kreative Einheit zu definieren. Durch weitere Um – bzw. Neubesetzungen hätte sich dieses Problem verschärft und eine gemeinsame Definition als Band, wie ich sie verstehe, wäre immer schwieriger bzw. unmöglich geworden.

SR: Also war das Ende von Fink demnach unausweichlich?

Nils Koppruch: Genau, die Auflösung der Band und meine Arbeit als Solokünstler sehe ich als konsequenten Schritt den Tatsachen Rechnung zu tragen und FINK nicht nur als Sinn entleertes Markenzeichen weiter zu tragen.

SR: Deine erste längere Solotour steht vor der Tür. Wirst du bei den Auftritten alleine auf der Bühne spielen oder auch auf Bandbegleitung setzen?

Nils Koppruch: Die Tatsache jetzt unter meinem eigenen Namen zu veröffentlichen und unabhängig von einer festen Gruppe arbeiten zu können, gibt mir die Freiheit beides zu tun. Und das genieße ich im Moment auch sehr. Auf der kommenden Tour werde ich allerdings mit Band aufspielen, die sich übrigens aus lauter Leuten zusammensetzt, die auch schon an FINK beteiligt waren und mich auch bei Den Teufel tun unterstützt haben.

SR: Wirst du auf der anstehenden Tour ebenfalls alte Fink-Stücke spielen?

Nils Koppruch: (lacht) Oh ja!



SR: Was waren die Einflüsse bei den Aufnahmen und beim Schreiben der Songs zu ‚Den Teufel tun‘?

Nils Koppruch: Beim Schreiben sicher das Ende von Fink und meine Positionierung als Solokünstler. Darüber hinaus auch die Beschäftigung mit Folk als Ausgangspunkt, Anfang und, nach wie vor, Teil einer lebendigen erzählenden Musiktradition. Musik mit Gebrauchswert, quasi. Unter dieser Prämisse haben im Studio natürlich auch die anderen Musiker einen wesentlichen Einfluss auf die Arbeit am Album gehabt. Eigentlich ist es kaum möglich irgendetwas auszuschließen, das mich im letzten Jahr und in all den Jahren davor beschäftigt hat.

SR: Wie bist du auf diese Vorstellung von dem Mädchen und ihrem Lied gekommen?

Nils Koppruch: Das Mädchen dient quasi als Modell für den schwächsten anzunehmenden Gegner des Teufels, das gerade durch seine vermeintliche Unschuld und Harmlosigkeit zur einzigen ernsthaften Herausforderin wird. Auslöser für die Idee war ein ziemlich plastischer Traum, den ich dann konkretisiert und zu diesem Song gemacht habe.

SR Klingt abstrakt. Deine Hörer werden vermutlich ihre gesamte Liebe in das Mädchen hineindeuten.

Nils Koppruch: Oh ja, bestimmt. An sich ist das eine faszinierende Sache. Ich schicke die Songs immer einfach nur los und die Hörer machen etwas selbst draus.

SR Tom Liwa erzählte mir mal, dass er etwas verstört ist, wenn ihm die Fans sagen, dass sie Songs mit „Mati“, die eingetlich Liebeslieder an seine Kinder sind, Frauen herumgekriegt haben.

Nils Koppruch: (lacht) Da kann ich mit meiner abstrakten Mädchenfigur ja noch recht entspannt sein.

SR: Im Laufe deiner Karriere hast du selbst immer wieder mitbekommen wie das ein oder andere kleine Label verschluckt wurde. War das der Grund diesmal direkt bei einem großen Label wie V2 einzusteigen?

Nils Koppruch: Ja, es sieht nicht gut aus in der Popmusikindustrie, unabhängig von der Größe des Labels. Musik und Musikmachen wird, durch welche Mechanismen auch immer, zunehmend nicht mehr als eigenständiger Wert wahrgenommen. Der Wert und die Wichtigkeit einer Band oder eines Künstlers wird lediglich über den kommerziellen Erfolg definiert, was es Künstlern wie mir natürlich nicht gerade leichter macht. Die Entscheidung zu V2 zu gehen hat mit solchen Überlegungen allerdings nichts zu tun. V2 hat sein Interesse an meiner Arbeit einfach nur am überzeugendsten vorgebracht.

SR: Welche Platten hörst du momentan am liebsten?

Nils Koppruch: Califone – Sometimes Good Weather Follows Bad People, Howe Gelb – Sno Angel Like You, Grinderman – Grinderman, Matt Sweeney & Bonnie „Prince“ Billy – Superwolf

SR: Nebenbei bist du ebenfalls als Maler tätig und erfolgreich. Wie kamst du zu der Malerei?

Nils Koppruch: Ich wollte nicht zu denen gehören, die sich zutuscheln: “Das kann ich auch“, und nie den Beweis abliefern.

SR: Wie kamst du auf den Künstlernamen SAM?

Nils Koppruch: Ich suchte nach einem Pseudonym bzw. einem Zeichen, dass ich unter meine Bilder setzen konnte, wollte aber nicht so ernsthaft und studentisch meinen Namen drunter schreiben, damit mich alle Welt für einen Künstler hält.
Es sollte kurz sein und einprägsam. Zu der Zeit versuchte ich gerade mit einem Freund einen Roman zu schreiben, bei dem uns beiden je ein Charakter zugeordnet war. Meine Figur hieß Samuel und so hab ich einfach diesen Namen genommen und abgekürzt: SAM. Die meisten Leute schreiben das falsch. Die großen Lettern und der Punkt sind wichtig. Sollte es anders auf den Bildern stehen, dann sind es Fälschungen.

SR: Überlässt du die Produktion der Videoclips komplett anderen oder hast du da vorab konkrete Vorstellungen?

Nils Koppruch: Darauf gibt es keine generelle Antwort. Im Falle von Den Teufel tun lag aber alles weitgehend in meiner Hand und ich habe dann Leute gefunden die sich dafür begeistern konnten und meine Vision umgesetzt haben. Insbesondere der Hamburger Künstler Thorsten Passfeld und Jo Jakobs, der Regisseur und Cutter haben mir geholfen meinen „Traum“ zu realisieren.

SR: Was ist deine allgemeine Einstellung zu Videoclips?

Nils Koppruch: Videoclips als eigene Kunstform haben ja weitestgehend ausgedient. Die Funktion des Clips ist ja immer offensichtlicher allein auf die des Werbeträgers für einen Song, ein Album oder einen Künstler reduziert. Für Künstler meiner „kommerziellen“ Größenordnung spielt das auf Grund von mangelnden Plattformen und natürlich nicht vorhandenen Budgets allerdings kaum eine Rolle. Ich sehe das für mich tatsächlich als Liebhaberei und vielleicht als weitere Möglichkeit des künstlerischen Ausdrucks, dass mir die Musik ermöglicht.

SR: Vielen Dank.

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