Vic Chesnutt @ FZW, Dortmund



Manchmal beginnt ein Konzert damit, dass ein Feuerwerk abgebrannt wird oder jemand auf die Bühne schwebt oder kotzt, und manchmal eben auch nicht. Heute ganz sicher nicht. Heute wird nur der Rollstuhl des Künstler auf die Bühne gehievt, und der trägt Grau in Grau mit Mütze. Guilty by Association spielt er nicht. Konzerte von Vic Chesnutt sind halt immer auch irgendwie Grenzgänge, schroff vertontes Kammerspiel trifft auf ambitionierten Alternative-Country, groteske Lustlosigkeit auf erhabene Skills.

Das FZW zu Dortmund, Schauplatz des heutigen Abends. Zu voll ist es ja nun nicht und doch sind Menschen gekommen, haben sich aufgemacht, den Mann aus Georgia singen zu hören. Neue Platte (North Star Deserter), neues Label (Constellation), neue Band. Und wer da oben mit Chesnutt auf der Bühne steht und sitzt, kann hier getrost als Allstar – Besetzung durchgehen: Guy Picciotto (Fugazi) an der Gitarre und auf Stuhl, Mitglieder von A Silver Mt. Zion und Godspeed You! Black Emperor (Efrim Menuck/ Gitarre), an Drums, Kontrabass, Geige und Gitarre.

Mit so einer Band im Rücken braucht es natürlich Widerstandsfähigkeit, den nötigen Punch, und den hat Chesnutt an diesem Abend meist nur bei den Solonummern und ruhigeren Stücken (You are never alone, Splendid). Zu erdrückend wirkt das Feedback, die endlosen Gitarrenausbrüche, auf seinen eher hühnerbrüstigen Gesang. Das Zusammenspiel der Band ist indes famos, Klangteppiche reihen sich an Stakkato – Gewitter, Noise – Orgien treffen auf Ambient Sounds.

Und das alles übertönt den Mann im Rollstuhl, nimmt ihm alle Luft zur Gegenwehr und seinem Auftritt die Leichtigkeit. Überhaupt sind die bezaubernsten Momente jene, bei denen er nicht gegen den Lärm und die Postrock – Klänge anschreien muss, sondern selbstvergessen und gekonnt dem Bardentum frönt. Eines ist klar, Chesnutt kämpft noch immer mit den Dämonen, der inneren Zerrissenheit, und wird es wohl auf ewig tun. Requests aus dem Zuschauerraum tut er stoisch ab, solle man doch nach Hause gehen und die alten Platten auflegen. Überhaupt wirkt er oft gereizt und zappelig. Draußen sagt dann noch einer was von, ohne die Musik wäre er (Chesnutt) doch längst tot. Aber er hat sie, die Musik.
[Nicholas Hessenkamp]

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