Superchunk



’Frontline’ ist ein Musik- und Bekleidungsgeschäft in Hannover. Ich war zwar noch nie da, in der Mitte der 90er habe ich jedoch etwa einmal im Monat etwas beim ’Frontine’-Mailorderservice bestellt. Die Tage, an denen der neue Bestellnewsletter im Briefkasten landete, wurden mit Spannung und Vorfreude erwartet. Heutzutage gibt es bei ’Frontline’ größtenteils Hip-Hop und Designer-Klamotten. Sortiment und Ausrichtung haben sich unmissverständlich neuorientiert, was vollkommen okay ist. Denn dem Laden habe ich bestimmt 50% meiner Schallplattensammlung zu verdanken. Die bekam man nämlich damals dort, Schatz über Schatz.

Ob eine streng limitierte Picture-LP von Kurt Cobain und William S. Burroughs, eine in Schmirgelpapier verpackte Split-7inch von Schneider und Krite oder Smogs „Wild Love“. Im Newsletter hielt ich immer Ausschau nach Neuentdeckungen, die Kurzbeschreibungen wurden genauestens auf Querverweise zu Bands untersucht, die ich bereits kannte und mochte. Ein Name, der öfters bei solchen Analysen auftauchte war Superchunk. Die im Nachhinein gesehene unzutreffenden Bescheibungen „Pop-Punk“ oder „Power-Pop“ mochten mir – im Gegensatz zu den Querverweisen zu Seam oder Guided by Voices – allerdings so gar nicht gefallen. Pop war eh scheiße und Punk ein Relikt der späten 70er und 80er (seht mir diese Zuschreibungen nach, ich war jung und Teilignoranz eine Tugend).

Nach einigen Wochen der Ablehnung wurde dann allerdings doch eine Superchunk LP geordert, „Here’s Where The Strings Come In“. Und was soll ich sagen? Das Teil hat bis heute einen zentralen Platz im Plattenschrank. Zur Hölle mit beknackten Querverweisen, was man hier hörte gab’s in meinem Horizont vorher nicht. Der Bass von Laura Ballance knackt und brummt wie ein 12-Zylinder und Jon Wurster treibt am Schlagzeug großartig monoton (wer nicht glaubt das monoton großartig sein kann: einfach mal „Certain Stars“ oder „Iron On“ anhören) an, was uns Sänger Mac McCaughan entgegen singt und schreit. Gitarren – von Mac und Jim Wilbur gespielt – gibt’s natürlich auch, sie stehen Schlagzeug und Bass in Tempo und Aggressivität in nichts nach und prägen oft gerade ruhigere ’Chunk-Momente. Solche Parts sind beim 1989 in North Carolina gegründeten Quartett allerdings selten leise.

Im laut krachenden Song öffnet sich eine Ecke in der man verweilt und nachdenkt, nur um einige Sekunden später wieder laut mitzubrüllen und kräftig den Kopf von hinten nach vorne zu bewegen. Die Band hat zwar seit 2001 kein reguläres Studioalbum herausgebracht, existiert – mit einigen Pausen – jedoch bis heute und überrascht von Zeit zu Zeit mit diversen 7inch-Veröffentlichungen und neuen Compilation-Beiträgen (z.B. bei „Kill Rock Stars“). Das hauseigene und stetig wachsende Label ’Merge Records’ besteht ebenfalls bis zum heutigen Tag (sympathischerweise nahmen und nehmen es Superchunk mit beiden Teilen des Begriffs „Indie-Rock“ ernst). Mac und Laura konnten dafür namhafte Acts wie Lambchop oder Dinosaur Jr. gewinnen. Die hippen Arcade Fire verhalfen ’Merge’ kürzlich sogar zum bis dato größten kommerziellen Erfolg.

Wer kleine Clubs zu seinen Stadien ernennt, muss einmal im Leben „Here’s Where The Strings Come In“ (ersatzweise „On The Mouth“ oder „Indoor Living“) in seiner Gänze gehört haben. Denn dort findet man die Songs, die man zu seinen persönlichen Hymnen dieser Herzstadien kürt. We got so drunk that night / We got so drunk that night / I hardly remember driving you home / Or was I driving you away? / Will you send me a picture, so I can remember? Danke, Kapelle!
[Sascha Knapek]

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