State Radio – Year Of The Crow



Es gibt wieder was hinter die Ohren, denn da ist jemand immer noch gehörig sauer. Aber da wir hier von der Musik der Band State Radio reden, gibt’s glücklicherweise auch was auf die Ohren. Denn zwar kotzt sich der Rockdreier aus dem US-amerikanischen Massachussetts so wie auf seinem Debütalbum „Us against the Crown“ von 2005 auch auf seiner nun veröffentlichten neuen Langspielplatte ordentlich über die Ungerechtigkeiten dieser Welt aus. Doch auch diesmal kleiden Chad Stokes, Chuck Fay und Mike Najarian ihre Wahrnehmung dieser Welt natürlich nicht nur in harte Worte, sondern ebenso in mal entspanntere, mal wütendere Rhythmen und Melodien, die irgendwo zwischen Reggae, Ska, Rock und Punk zu verorten sind. Und was diesmal also in Form von „Year of the Crow“ heraus gekommen ist, lässt man sich durchaus gerne um die Ohren schlagen.

Aber da das Beste bekanntlich zum Schluss kommt, kommt jetzt zuerst mal das zur Sprache, was man als das musikalische Haar in der Suppe bezeichnen könnte. Denn leider nerven einen State Radio auf ihrem Zweitwerk teilweise mit Liedern, die eine allzu gleiche Struktur aufweisen: Wird die Gitarre am Anfang noch bei entspannt gezupften Reggae-Rhythmen gestreichelt, wird wenig später in Form von Gitarrenriffs auf sie eingeprügelt und das Schlagzeug auf die übliche Punkrock-Manier malträtiert. Es folgt ein versöhnlicher Saitenannäherungsversuch, welcher dann jedoch durch einen instrumentalen Wutausbruch erneut zunichte gemacht wird. Und so geht es dann weiter, Lied für Lied, von „Unfortunates“ über „CIA“ bishin zu „As with gladness“.

Ein negativer Nebeneffekt ist, dass die Stimme von Sänger Chad bei besagten Wutausbrüchen in gesellschaftskritisch durchaus korrekte, nach Gerechtigkeit schreiende Höhen schnellt, was sich jedoch nicht immer gut Dabei zeigen wiederum andere Lieder auf dem Album eindrucksvoll, dass State Radio nicht nur viel zu sagen haben, sondern dies auch ideenreich, unter Verwendung eines großen Genrespektrums zu vertonen wissen. So kommt „The Story of Benjamin Darling Pt. I“ in gewisser Weise country-folkig daher, in Gedanken sieht man die drei Jungs mit Strohhüten und einem Grashalm im Mundwinkel hängend, zaghaft ihre Gitarren zupfend auf einer Veranda sitzen und die Geschichte des schwarzen Sklaven Benjamin Darling erzählen, der seinen Kapitän vor dem Tod bewahrte. Auch bei „Omar Bay“ werden ruhigere Töne angeschlagen. Hier äußern sich diese jedoch in Form von Blueselementen, zum Ende hin unterlegt von wunderbar wehmütigem Klavierspiel. Und während sie den „Fall of the American Empire“ ankündigen,
bescheren einem State Radio eine wunderschöne Poprock-Nummer, welche sich zwar mit einer ordentlichen Jam-Session verabschiedet, aber irgendwie doch nicht so wirklich aus dem Ohr verschwinden will. Bei „Barnstorming“ zeigt sich die Band von ihrer gewohnten Ska-Rock-Seite, wobei die oben beschriebene Songstruktur aufgebrochen wird, unter anderem wegen der kurzweiligen, aber intensiven Bläser-Einlagen.

„Gang of Thieves“ erweist sich als eine tolle Rocknummer, welche einem dank ihres eindringlichen und den Rhythmus vorgebenden Bass keine Wertsachen, sondern vielmehr den Verstand raubt.
Und so beweisen State Radio erneut, dass es die Nemesis auf dieser Welt zwar in Gestalt vieler Stimmen und Personen gibt, jedoch in keiner so herrlich innovativen wie der ihren.
[Vera Hölscher]


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0 Gedanken zu “State Radio – Year Of The Crow

  • Andre

    Hallo

    gutes Review und trifft es sehr passend! Allerdings das Kritikargument mit den hart wechselnden Stimmungen ist 100% so gewollt um noch mehr aufzurütteln und die Schizophrenie der Gesellschaft zu zeigen. Auch die „hohe“, an zerstörung Stimme soll selbiges Ausdrücken.

    sonst top Review! 🙂