Siouxsie Sioux



Es gibt nicht mehr wirklich viele Künstler, die bereits so lange im Geschäft sind, dass ihre jüngsten Fans noch keine zwanzig Jahre alt sind, ihre ältesten aber bereits in den Fünfzigern. Zu diesen Künstlern zählt Susan Janet Ballion, besser bekannt als Siouxsie Sioux, ehemalige Frontfrau der Band Siouxsie and the Banshees. 1976 wurden die Banshees gegründet, im September 2007, mehr als dreißig Jahre später, erschien das erste Soloalbum von Siouxsie mit dem Titel „Mantaray“. Grund genug einmal einen Rückblick auf die Karriere einer Ausnahmekünstlerin innerhalb der Musikszene und auf ihr aktuelles Schaffen zu werfen.

In den Jahren 1975/76 gehörte Siouxsie zum „Bromley Contingent“, einem treuen Fankreis der Sex Pistols, zu dem auch so illustre Persönlichkeiten zählten wie Billy Idol, Malcolm McLaren, der Manager der Sex Pistols, oder auch Vivienne Westwood, die durch ihre avantgardistischen Modeschöpfungen zu Ruhm und Ehre gelangte. Ihren ersten Auftritt hatten die Banshees bereits 1976 im Vorprogramm von The Clash, lange bevor sie ihren ersten Plattenvertrag erhielten. Zur ursprünglichen Besetzung zählten neben Siouxsie ihr langjähriger Freund Steve Severin, Marco Pirroni und Sid Vicious, der später Bassist bei den Sex Pistols wurde. 1978 war es dann soweit. Die Band erhielt Ihren ersehnten Plattenvertrag und noch im selben Jahr erschienen die erste Single „Hong Kong Garden“, die direkt in die britischen Charts stürmte, und auch das erste Studioalbum „The Scream“.

Während diese Veröffentlichungen noch klar dem Punk zuzuordnen waren, änderte sich dies sehr schnell. Sowohl musikalisch als auch optisch wurde man düsterer und Frontfrau Siouxsie avancierte zur Godmother des Gothic und Wave. Diesem Genre blieb man dann auch weitgehend treu, auch wenn sich immer wieder verschiedene Einflüsse im Stil bemerkbar machten. Nicht zuletzt resultierte dies aus einer häufig wechselnden Besetzung der Band. Nachdem Drummer Kenny Morris und der Gitarrist John McKay die Band 1979 nach einem Streit verließen, übernahm Robert Smith von The Cure den Part des Gitarristen bis 1980 und noch mal von 1982 bis 1984, während Peter „Budgie“ Clark an den Drums Platz nahm und diese Position auch bis zur Auflösung der Band nicht mehr abgab. Bei einem besonderen Highlight im Werdegang der Banshees ist Robert Smith noch zu bewundern. Es handelt sich hierbei um „Nocturne“, einen Live-Mitschnitt eines Konzertes aus der ehrwürdigen Londoner Royal Albert Hall, den man sowohl auf CD als auch auf DVD bewundern kann.

Budgie wurde für Siouxsie nicht nur musikalischer sondern auch privater Wegbegleiter, 1991 läuteten dann sogar die Hochzeitsglocken. Parallel zu den Aufnahmen zum Banshee-Album „JuJu“, welches Klassiker wie „Israel“, „Spellbound“ und „Arabian Knights“ enthielt, hoben Siouxsie und Budgie ihr Projekt „The Creatures“ aus der Taufe. Dies ermöglichte es den beiden Songs zu veröffentlichen, die nicht unbedingt zu den Banshees passten. Im Wesentlichen waren diese Stücke sehr perkussionsorientiert.

Mit einem zunehmend poplastigerem Stil erreichten Siouxsie and the Banshees ein immer weiteres Publikum. Ihr Cover des Iggy Pop Songs „The Passenger“ ist heute nicht nur in Gothic- und Punk-Kreisen ein Klassiker und mit „Face to face“ waren sie 1992 schließlich sogar auf dem Soundtrack des Films „Batman Returns“ vertreten. All diese Erfolge konnten nicht verhindern, dass die musikalischen Differenzen innerhalb der Band immer größer wurden – vielleicht waren sie sogar eher ein Grund dafür. 1995 erschien mit „Stargazer“ die letzte Single und mit „The Rapture“ das letzte offizielle Studioalbum. Nach 11 Studioalben, zwei Best Of-Alben sowie einer gefeierten Live-CD samt dazugehörigem Video lösten sich Siouxsie and the Banshees zum Leidwesen ihrer Fans auf. Danach erschienen noch weitere Best Of- und B-Seiten Sammlungen.
2002 traf sich die Band noch mal zu „The Seven Year Itch“, einer kleinen Reunion-Tour, die auch auf DVD verewigt wurde. Die Zerwürfnisse waren aber doch zu groß, so dass keine weitere Zusammenarbeit sondern der endgültige Bruch folgte.

Nach der Trennung der Banshees reaktivierten Siouxsie und Budgie, die ihre neue Heimat im Süden Frankreichs gefunden hatten, wo Siouxsie heute immer noch lebt, die Creatures wieder, die zwischenzeitlich auf Eis gelegt worden waren. Es folgten zwei weitere Studioalben: „Anima Animus“ (1999) und „Hai!“ (2003). Insbesondere „Hai!“ polarisierte selbst eingefleischte Fans und die daraus ausgekoppelte Single „Godzilla“ bekam mehr als mäßige Kritiken.

Kaum ein Jahr nach der Veröffentlichung des letzten Albums kam dann aber auch das Aus für die Creatures und das gemeinsame Projekt von Siouxsie und Budgie wurde zu Grabe getragen. Gleichzeitig war dies dann aber der Startschuss für die Solo – Karriere einer Ikone.
Diese Karriere begann 2004 mit der „An Evening with…. Siouxsie“-Tour, damals noch begleitet von ihrem Ehemann Budgie. Zwei Jahre später unterschrieb sie dann ihren Plattenvertrag bei dem Label W14. Anfang 2007 trennten sich Siouxsie und Budgie, und im September 2007, nach über 30 Jahren im Musikbusiness und im Alter von 50 Jahren, erschien das lang erwartete Album „Mantaray“.

Die erste Single „Into a swan“ war perfekt gewählt, gibt sie doch mit ihrem Text genau das Gefühl wieder, das man beim Hören des Albums verspürt: „I feel a force I‘ve never felt before / I don‘t want to fight it anymore / Feelings so strong can‘t be ignored / I burst out – I‘m transformed.“ In der BBC2-Show „Later… with Jools Holland“ bezeichnete Siouxsie selbst den Song als eine Art Absichtserklärung. „Mantaray“ ist das Ergebnis vieler Einflüsse. Angefangen bei dem aggressiv-rockigen „Into a swan“ , über das treibend-pulsierende „Loveless“ und „Drone Zone“ mit seinen Jazzklängen, hin zu „If it doesn’t kill you“, einer nahezu perfekten Ballade und dem überschwänglichen, fast schon verspielten, „One mile below“ bis zum großen Finale, bei dem mit „Heaven and alchemy“ zum Verweilen und Träumen eingeladen wird. Hier und da klingen dann auch noch sowohl die Banshees als auch die Creatures an. Die Einflüsse insgesamt sind eher klassischer als moderner Natur – mal abgesehen von ein wenig Industrial und TripHop. Siouxsie selbst sagt in Interviews immer wieder, dass sie kaum moderne Musik hört und dies hört man Mantaray an – im positiven Sinn. Nichtsdestotrotz klingt das Album als Ganzes sehr frisch und abwechslungsreich. Der rote Faden ist dabei Siouxsies Stimme die kraftvoller und besser denn je denn Songs Leben verleiht. Insgesamt hat man den Eindruck, dass sie sich hier von allen Konventionen und Einschränkungen befreit hat, die das Miteinander in einer Band manchmal mit sich bringen. Die Arbeit am ersten Solo-Album beschreibt sie im bereits genannte BBC2-Interview dann auch als sehr locker und einfach, insbesondere weil es sich um die Zusammenarbeit mit neuen Menschen handelte, die keine Erwartungen an einen stellen und mit denen man keine gemeinsamen „Altlasten“ trägt.

Nach dem Album folgte eine Tour durch Europa und die Staaten, die Siouxsie auch für 3 Termine nach Deutschland führte. Eine Tour ist für viele Künstler der Härtetest. Newcomer müssen hier beweisen welche Talente sie wirklich besitzen. Diejenigen, die ihr Können schon in zahlreichen Live-Terminen unter Beweis gestellt haben, so wie Siouxsie, müssen sich dann der Prüfung unterziehen, ob sie immer noch mit Leib und Seele auf der Bühne stehen, oder ob es sich dabei doch eher um ein Pflichtprogramm handelt. In Siouxsies Fall stellte sich die Frage nicht lang. Was sich auf der Bühne abspielte, war wirklich ein musikalischer Hochgenuss, der alles beinhaltete, was man sich von einem Konzert nur wünschen kann. Ms Ballion präsentierte in einem Moment die Rockröhre und im nächsten die laszive Nachtclubsängerin, die regelrecht sprüht vor Erotik. Eines ist gewiss, sie hat in den ganzen Jahren nichts von Ihrer Faszination eingebüßt und präsentierte sich in absoluter Höchstform. Nach diesem Erlebnis versteht man es noch besser, dass Größen des Musikbusiness, wie Roisin Murphy oder Shirley Manson, Sie als ihr Vorbild bezeichnen.

Im Jahre 2003 erschien eine Biographie der Banshees von Mark Paytress. In dem Vorwort schreibt Shirley Manson: „She shaped my life. I wouldn’t be singing if it weren’t for Siouxsie. I got to do what she did because she did it first and she did it so much better.” Ein besseres Kompliment kann eine Künstlerin von einer namenhaften Kollegin wohl kaum bekommen.
[Markus Terlisten]

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