Nada Surf – Lucky



Wie glücklich darf man eigentlich sein, um trotzdem noch gute Songs schreiben zu können? „Lucky“ beweist: ziemlich. Nada Surf, allen voran Matthew Caws, ist jetzt hörbar besser drauf als noch letztens, bei „The Weight Is A Gift“. Aber überschäumende Euphorie? Das dann doch nicht. Optimismus? Galore! Tiefgang? Selbstredend. „Lucky“ hat alles, was eine Lieblingsplatte braucht: ultrapersönliche, megamelodiöse Songs mit tollen Hooklines, tiefe Gedanken zum Leben mit oder ohne Liebe, mit Kids und mit Ängsten. Die facettenreiche Elfsongkollektion ist multifunktionale Stimmungsmusik. Nachdenklich, klug, erhebend, beschaulich. Und: Beglückend.

Dabei war der verklärte Albumtitel Lucky im Trio umstritten, so ist im CD-Booklet nachzulesen. („Appetite For Construction“ hat das Rennen offensichtlich ebenso wenig gemacht wie die zeitweise kolportierten „Time For Plan A“ und „Downhill Marathon“.) Für Mr. Caws ist „Lucky“ ein persönlicher Reminder, dankbar zu sein. Eine neue Liebe ist eben wie ein neues Leben: Einigen Songs verpasste er so nach Jahren jetzt sogar noch ein Happy End. Caws, so ziemlich der liebenswürdigste Mensch, den man treffen kann, Drummer Ira Elliot, immer schlagfertig, und Bassist Daniel Lorca, fast immer gelassen, präsentieren mit Lucky einen würdigen Nachfolger zu „The Weight Is A Gift“ und Publikumsliebling „Let Go“. Vor allem Herr Caws hat hier wieder gründliche Basisarbeit im Gefühlsuniversum geleistet. Die wahren Geschichten und Erkenntnisse hat er von profan zu heilig transponiert, von privater Natur zu universeller Relevanz. Die Bedeutsamkeit der Musik geht dabei über Kategorien von virtuosen Riffs, gelungenen Harmonien und satter Produktion hinaus: Sie berührt, sie verbindet, avanciert sogar zur Lebenshilfe. Caws warme Stimme tut dazu ein Übriges.

„Everyone’s right and no-one is sorry, that’s the start and the end of the story“– der Opener „See These Bones“ ist das beste Beispiel für die mächtigen kleinen Botschaften aus New York. Die Ode an die Kraft der Musik, „Beautiful Beat“, kommt ausgerechnet beatmäßig eher schlicht, dank hübschem Piano jedoch überaus bekömmlich daher, das optimistische „Here Goes Something“ befasst sich mit dem Elternsein. Die allergrößten Schönheiten sind aber wohl das fulminant erbauliche „Weightless“ und die bereits live furios gefeierten „Whose Authority“ und „I Like What You Say“. Während letzteres noch ironisch „they say you have to be someone’s“ proklamiert, bezaubern die zarten Liebeserklärungen „Are You Lightning“ und „From Now On“, erzählen von der aufgeregten Euphorie, aber auch den ängstlichen Unsicherheiten einer neuen Liebe. Eher hermeneutisch gibt sich dagegen das gotisch-sperrige Opus „The Fox“. Eine überraschend rockige Reminiszenz an alte Nada-Surf-Zeiten liefert „Everyone’s On Tour“ auf der limitierten 4-Track-Bonus-CD.

Produziert wurde „Lucky“ von John Godmanson (Death Cab For Cutie, Blonde Redhead, Sleater-Kinney), als Gäste wirkten Ben Gebbard (Death Cab For Cutie), Ed Harcourt, Coralie Clément und John Roderick (Long Winters) mit. In einem Interview danach gefragt, wann sie denn endlich internationale Megastars würden, meinte Caws, man sei immerhin gerade in Deutschland … In diesem Sinne darf man sich dankbar auf die nächsten Shows der Band freuen.
[Tina Skulima]

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