Wie Heinz Rudolf Kunze mir Sebadoh näher brachte



Die erste Begegnung mit späteren Lieblingsbands ist nicht immer spektakulär. Oft sogar eher ungewöhnlich oder beiläufig. Eine meiner Lieblingsbands sind Sebadoh und die Art und Weise wie ich auf die Gruppe aus Boston aufmerksam wurde ist schon komisch. Den Tipp, bei den US-Amerikanern mal etwas genauer reinzuhören, bekam ich nämlich nicht etwa von einem Freund oder aus irgendeiner Musikzeitschrift, sondern vom deutschen Pop- und Schlagersänger Heinz Rudolf Kunze.

An das genaue Jahr kann ich mich nicht mehr erinnern. Dank Heinz Rudolf Kunze („Dein ist mein ganzes Herz“) und dem Internet ist das Ganze aber schnell rekonstruiert und die Frage nach dem Jahr beantwortet. Es war 1994. Wie ich darauf komme? Na ganz einfach. Zu der Zeit gab es zwar fast nichts uncooleres für einen Fünfzehnjährigen als Heinz Rudolf Kunze, aber irgendwie blieb ich trotzdem kurz bei einer TV-Sendung mit dem ungefähren Motto „Ein Abend mit Heinz-Rudolf Kunze“ hängen. Dort kündigte besagter Kunze die nächste Band an, welche gleich, auf seine Einladung hin ein paar Songs spielen würde. Kurz vorm Wegzappen fiel der Name Nirvana. Ich wurde hellhörig, denn schließlich gehörte die Truppe um den damals unlängst verstorbenen Kurt Cobain zu meinen absoluten Helden. Kunze erzählte, dass der Frontmann der nun folgenden Gruppe einmal in einer Band spielte, die Nirvana sehr beeinflusst hätten (Kunze meinte Dinosaur Jr.) und der Sound den wir gleich hören würden auch etwas an den Sound der Musiker aus Seattle erinnerte. „Hier sind, aus Boston, Massachusetts, Sebadoh!“ So, oder so ähnlich kündigte Kunze Lou Barlow und seine beiden Mitstreiter Jason Loewenstein und Bob Fay (Sebadoh Mitbegründer Eric Gaffney hatte die Band zu dem Zeitpunkt schon verlassen) an. Die Idee mit dem Wagzappen hatte sich natürlich erledigt. Ich klebte gebannt am Fernseher und konnte kaum glauben was für einen guten Musikgeschmack der nette Herr Kunze doch hatte. Was das Trio an dem Abend genau zum Besten gab, weiß ich nicht mehr. Nur das es großartig war und viel von Bakesale gespielt wurde. Bis heute ist es mein Lieblingsalbum von Sebadoh und das hat sicher auch mit diesem Abend vor über 13 Jahren zu tun.

Die Musik von Sebadoh hat perfekt in meine damalige Teenagerzeit gepasst. Bakesale und Harmacy entwickelten sich 95/96 für mich zu dem was 92/93 Ten und Vs. waren (alle genannten haben selbstverständlich auf ewig einen Ehrenplatz in meinem CD-Regal). Wenn ich mir heute die CDs samt Hüllen ansehe, müsste ich direkt zum nächsten Onlinehändler meines Vertrauens surfen und neue Versionen erstehen, so abgewetzt sind die Dinger vom vielen Hören, Verleihen und mit auf Partys schleppen. Ab 20 passt man auf seine Tonträger besser auf, mit 15/16 war einem das irgendwie egal. Die alten Platten samt ihrer angestoßenen Ecken, dem reingeschrieben Namen (damit sie auf den Partys nicht verloren gingen) und den Kratzern aus dem Regal zu holen führt einem aber vor Augen warum man dieser Art von Musik einmal verfiel. Sie war rau, sie war frisch, sie hatte was zu sagen, sie wirkte wie aus dem Ärmel geschüttelt, sie war anders als alles was man bis dahin gehört hatte und sie nervte die Eltern, wenn man das neue Mixtape mal im Auto hören wollte. Wen zum Teufel interessierten da Kratzer auf dem Digipack, rausgebrochene Plastikknöpfchen oder anderer Luxus? Hauptsache die CD lief! Schrammelige Gitarren (License to Confuse), pulsierende Bassläufe (Careful), antreibende Drums (Skull), Lo-Fi-Folk-Experimente (die ersten drei Alben), schreiender Krach (Drama Mine) und ab und zu eine ruhige Popperle (Together or Alone) zum Innehalten und Nachdenken. Das war damals, und ist für mich heute, Sebadoh. Genaueres zum Werk und zur Bandgeschichte gehört eher in ein Portrait und passt hier, in mein sozusagen „erstes Date“ mit Sebadoh, nicht rein und würde zu weit führen. Das Portrait gibt’s aber sicher in einer der nächsten Reducer-Ausgaben, versprochen.

Zum Schluss möchte ich mich bei Herrn Kunze für den Sebadoh-Hinweis bedanken. Wer weiß ob, und wann, ich sonst auf die Band aufmerksam geworden wäre. Ich kann ihrer Musik zwar bis heute leider nicht viel abgewinnen lieber Heinz Rudolf, aber allein wegen des Sebadoh-Tipps lasse ich nie ein schlechtes Wort auf sie kommen, wenn in irgendeinem Gespräch über Musik die drei Buchstaben HRK fallen. Wenn ich kann, revanchiere ich mich bei Gelegenheit gern! Und „Finden Sie Mabel“ und „Tohuwabohu“ sind übrigens klasse Songs.
[Sascha Knapek]

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