Seam – Langsame Hektik in hohen Gängen



Slo(w)core tauften einige gewiefte Schubladendenker in den 90ern all jene Bands, die irgendwie rockten, zugleich jedoch auch einen gewissen Hang zur Langsamkeit und Melancholie hatten. Ein kleines Protagonistennamedropping beinhaltet Bands wie die sprichwörtlichen weißen Birken von Codeine, „Duluths very own“ Low oder die fabelhaften Wegbereiter von Slint aus Louisville, Kentucky. Von Gitarren dominierte Songs wurden nicht runterschrubbt, sondern fein säuberlich vor dem Hörer ausgebreitet, ihm oder ihr textlich etwas zum Nachdenken an die Hand gegeben und auch durchaus nicht vor sechs- oder siebenminütigen Epen zurückgeschreckt. Langsame Hektik in hohen Gängen, bei offenem Fenster und Kurvenvollgas.

Vertreter dieses Genres sind mitunter ziemlich unterschiedliche Gesellen. Cat Power und Codeine – rein musikalisch gesehen nicht gerade eineiige Zwillinge. Aber egal, um die geht es hier auch nicht. Sondern um Seam! Die meist als Quartett (diverse Besetzungsänderungen inbegriffen) aufgetretene Kapelle aus Chicago bildet mit ihren zwischen 1991 und 1998 herausgebrachten Tonträgern eine Art Kernstück der Szene. Ihr 95er Meisterwerk Are You Driving Me Crazy? sollte in keiner gut sortierten Indiesammlung fehlen. Die restlichen drei Studioalben und etliche Singles, EPs und 7inches sind kaum schwächer und ebenfalls aufs Wärmste zu empfehlen.

Als Konstante kann im Bandmitgliedersammelsurium Sooyoung Park (zu Collegezeiten Mitbewohner von Liz Phair) genannt werden. Er fungierte als Seam-Gründer und ist einigen vielleicht noch durch seine ex-Band Bitch Magnet bekannt. Neben Park tummelten sich in den knapp acht Seam-Jahren bekannte Größen wie Mac McCaughan (Superchunk) und langjährige Seam-Mitglieder wie Chris Manfrin oder William „Billy“ Shin im immer wechselnden Bandlineup.

Parks Stimme passt auf die musikalische Untermalung wie Thomas Magnum nach Hawaii oder Pepperoniwurst auf Pizza. Die schönste Lethargie der Welt. Er verschliss über die Jahre zwar mehr als ein Duzend Mitstreiter, den Platten merkte man dies jedoch nie an. Feather, Road To Madrid, Port Of Charleston, The Prizefighters. Vier Songs von vier Alben. Gut sieben Jahre liegen zwischen ihnen, bei allen fühlt man sich gleichermaßen wohl und gut aufgehoben. Ob noch als Trio beim auf ‚Homestead’ erschienenen Headsparks, oder danach als Quartett. Seam blieb auch im personellen Wechsel die Einzigartigkeit erhalten und das macht sie bis heute zeitlos.

Einzig das letzte Seam-Album, The Pace Is Glacial, weicht geringfügig vom rockenden Langsamkeitsmotto ab. Mitunter nimmt es poppige Fahrt auf, weigert sich aber beharrlich in etwas abzudriften das sich nicht nach Seam anhört. Spätestens kurz vorm Abgrund bäumt sich irgendwas auf und deutet die alten Tugenden an.

1999 war dann Schluss. Sooyoung Park spielt mittlerweile eine untergeordnete Rolle in der Band Ee. Mit dem Seam-Sound hat das leider gar nichts mehr zu tun. Anlässlich des 25-jährigen Labeljubiläums von ’Touch & Go’ spielten Seam im September 2006 nach jahrelanger Pause aber wieder einen Gig in Chicago. Nostalgie ich hör dir trapsen – wäre ich da gerne dabei gewesen. Eine Reunion wäre spannend und wie ich Park und seine Kollegen einschätze, hätte das Ganze sicherlich ein ähnlich hohes Niveau wie vor zehn oder fünfzehn Jahren. Nur richtig glauben tue ich nicht dran, denn Seam waren immer schon irgendwie anders als alle Anderen. Irgendwie leiser, irgendwie lauter, irgendwie langsamer, irgendwie schneller…
[Sascha Knapek]

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