Kevin Drew – Spirit If…


Mit einer Definition von Popmusik ist das so eine Sache. Der laienhafte Leser denkt da mit großer Wahrscheinlichkeit an medial omnipräsente und mehr als finanziell ausgesorgte Künstler, deren Namen an dieser Stelle aufgrund ihrer Offensichtlichkeit einmal nicht genannt werden. Und wenn man nicht gerade detaillierte Kenntnisse über die aktuelle, fachspezifische Debatte einer kanadischen (Musik-) Popkultur mitbringt, ist man beim Hören der neuen Platte der aus Montreal stammenden Allzweckwaffe Kevin Drew erst mal verwundert, dass man es hier mit einem guten Stück Popmusik zu tun hat.

Denn was uns beim einmaligen, oder auch mehrmaligen Hören mit dem nebulösen Titel Spirit If… entgegenschlägt ist kein musikalisches Fastfood, samt bedeutungsleerem, verblendungsschwangerem Geschwafel, sondern das, was die kanadische Popmusikkultur auszeichnet: stilistische Vielseitigkeit, Experimentierfreude ohne abgehobenes, elitäres Avantgardedenken und die nötige Prise Charme, um auch die letzten Nörgler hinter dem Ofen hervorzuholen. Nun könnte man natürlich fragen, ob sich dieses Soloprojekt Drews in irgendeiner besonderen Weise von jenen anderen kanadischen Musikimporten unterscheidet. Die Tatsache, dass wir es hier mit dem Mastermind, Mitbegründer des sprießenden Arts & Crafts Labels und der bemerkenswerten Band Broken Social Scene zu tun haben, liefert nicht unbedingt die Antwort auf jene Frage. Vielleicht ist es aber gerade diese sich in einem größeren Kontext erschließende Abgrenzung von einer Musikindustrie, deren Labels Künstler nach dem Prinzip „hire and fire“ unter Vertrag nimmt. Arts & Crafts wirkt wie eine Gemeinde sich gegenseitig respektierender Musiker, an deren höchster Stelle Kevin Drew die Faden in der Hand hält und gleichzeitig selbst Hand anlegt, sprich selbst Platten macht. Ein Robin Hood der Musikindustrie? Ein nüchterner Blick auf die musikalisch Beteiligten an der Platte könnten diesen Schluss zulassen. Da lesen sich Namen wie J Mascis (Dinosaur Jr.) oder Scott Kanneberg (Pavement), die mit dem den Künstlern gebührenden Respekt ihre beste Zeit wahrscheinlich schon hinter sich zu haben scheinen.

Bis einschließlich Gang Bang Suicide ist es jedoch zunächst Drew, der mit seiner kaum vernehmbaren, flüsternden Stimme, und von einem dezent vor sich hin plätschernden Schlagzeug unterstützt, der Platte seinen Stempel aufdrückt. Hier seien vor allem der Opener Farewell to the Pressure Kids genannt, der eine Hymne auf die globalisierungsgeplagte Jungend der Zukunft anstimmt und das nicht weniger emotional berührende Broke Me Up. Mit Frighetning Lives, das durch einen sich stetig ausbreitenden Klangteppich aus donnernden Gitarren herausragt, wird die deutlich experimentellere zweite Hälfte von Spirit If… eingeläutet, in der auch die Gastmusiker ihren mehr oder weniger bedeutsamen Beitrag zur Platte leisten. Big Love strahlt durch seine zahllosen Melodiebrüche eine verstörende Schönheit aus, während das deutlich von J Mascis beeinflusste Backed Out On the… mit seinem endlosen Gitarrengefrickel dagegen etwas belanglos und deplaziert wirkt. When It Begins nennt sich paradoxerweise das letzte Stück des Albums, bei dem ein vielstimmiger fast gospelartiger Chor den Hörer aus dem Drew’schen Universum entlässt.

Zurück bleibt das Gefühl, das Spirit If… vielleicht nicht ganz an die großartigen Broken Social Scene und Feist Platten heranreicht, aber wir es hier immerhin mit einem guten Stück kanadischer Musikkultur zu tun haben, das gerne mal auf der Klaviatur selbstverständlicher Bedeutungsträger herumklimpert, was mit Blick auf das von zwei putzig-kitschig wirkenden Einhörnern gezierte Cover noch einmal verdeutlicht wird.

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