Erdmöbel – No.1 Hits



Wenn Ovidius Naso noch leben würde, dann hätte er wohl eine riesen Freude am Popschmarrn dieser Tage. Cover, geistieger Diebstahl, Bastard-Pop und Remix. Remix und immer wieder Remix. Kleine und große Metamorphosen. Nötige und unnötige. Aus kleinen zarten Schönheiten werden vollgepumpte Beatmonster und aus Mauerblümchen Partychicks. Eine der unzähligen Verwandlungsarten des Pop ist das muntere eindeutschen englischsprachiger Hits.

Einfach ist so etwas nicht gerade. Unmöglich jedoch ebensowenig. Man denke nur an gelungene Songs wie das alte REM-Cover der Flowerpornoes oder Mein süßes Kind von Wolke.

Nachdem die Erdmöbel last Christmas mit Weihnachten ist mir doch egal ebenfalls recht großen Erfolg hatten, knöpfen sie sich nun zwölf englischsprachige Hits der Popgeschichte vor und verwandeln sie in deutschsprachige Lieder im Erdmöbel-Kosmos. Von Nirvana über Kylie Minogue bis hin zu den Vengaboys ist da alles dabei. Und wer könnte für ein solch waghalsiges Vorhaben geeigneter sein, als die Kölner, die auf ihren bisherigen Platten viel Fingerspitzengefühl und den verspielten Umgang mit der deutschen Sprache bewiesen haben.

Dementsprechend ist es keine große Überraschung, dass die Grundidee von No.1 Hits aufgeht. Vereinzelt driften die Erdmöbel in unnötigen Klamauk ab. So etwas ist dann natürlich doppelt peinlich. Und dann passiert ein solcher Fauxpas auch noch beim Eröffnungsstück. What’s New Pussycat verwandelt sich in ein hässliches Was geht, Muschikatz?. Oktoberfest? Kinderlied? Pferdemist! Da bekommt selbst Tom Jones himself Erektionsstörungen. Das darauf folgende Smells Like Teen Spirit ist da dann doch deutlich besser. Hier werden Akzente gesetzt, potentielle Fallen umschifft und der Song, der seit Jahren mehr als tot ist, wieder zum Leben erweckt. Dieses auf und ab der erste Stücke setzt sich munter fort.

Mal möchte man für grandiose Fassungen von Stücken wie One Of Us (inklusive des wundervollen Refrains „Wäre Gott einer wie wir / Eingeschlafen mit ’nem Bier / Nur ein Fremder um halb vier / In der letzten Straßenbahn / Der versucht nach Haus zu fahrn“) Beifall klatschen. Ähnlich verhält es sich mit Robbie Williams und den gefürchteten Vengaboys. Auf und Ab zählt sogar zu den Highlights der Platte. Hier kommt große Spielfreude abseits des beschämten „hör ich nur besoffen“ auf. Gelegentlich hört man bei der Konfrontation mit Schandflecken der Popgeschichte zum ersten mal genau hin und merkt, dass es bei Mmm Mmm Mmm Mmm der Crash Test Dummies, das damals bereits in der ersten Chartwoche Brechreiz hervorrief, nicht nur ums nervtötende Rumsummen ging. Da gibt es sogar Tragik, Leid und so Sachen. So so.

In einigen Fällen mißlingt das Vorhaben jedoch auch komplett. So zum Beispiel bei der Erdmöbel-Variante von White Shade Of Pale, die passenderweise Fahler als fahl heißt. Obwohl die Übersetzung recht gelungen ist, scheitert das Stück an der Vorlage, die nach all den Jahren dann doch wie eine in die Jahre gekommene Pornodarstellerin blutleer und abgenutzt wirkt.

Und am Ende sind es die Bee Gees, deren I Started A Joke als Vorlage für den Schlussakkord dienen. Die Brillanz des Originals tritt hier sogar deutlicher hervor, als bei Faith No More. Der melancholische Unterton, ein Schmunzeln, ein versöhnliches Nicken zum Abschied und der CD-Wechsler raschelt. Einmal, zweimal, dreimal. Am Ende wird er doch wieder bei einem Album der Erdmöbel landen. Und das ist gut so.
[Sebastian Jegorow]

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