Doch ich bin ein Kriegskind



Ich bin ein Kriegskind. Geboren in einer Stadt an der Save im Norden von Bosnien. Im Sommer saß ich als fünfjährige oft am Fluss und machte mir aus Gänseblümchen lange Ketten. Zehn Jahre später sollte der Fluss ausgetrocknet sein. Eines Abends – es muss so gegen halb acht gewesen sein – da saßen wir im Wohnzimmer und meine Eltern schauten sich gerade die Nachrichten an. Ich fragte meine Mutter, ob ich schon Schlafanzug anziehen solle, um ins Bett zu gehen. Da schaute sie zu mir herüber und sagte: „Wenn du willst, kannst du das tun, aber lass von mir aus lieber deine Sachen an, denn es kann sein, dass wir heut Nacht flüchten müssen.“ Ich erinnere mich nicht mehr, ob ich an diesem Abend meinen Schlafanzug angezogen hatte oder ob wir im Morgengrauen auf Flucht waren. Ich erinnere mich nur, dass wir eines morgens am Busbahnhof saßen und eine Herde von Menschen – Alte wie Junge – auf einen Platz in einem der vielen Traktorenanhänger warteten, die die Menschen aus der Stadt wegbringen sollten.

Ich saß auf der Bank und vor mir war ein Traktorwagen. Gerade half ein Mann einer alten Frau auf den Traktorenanhänger zu steigen, da bemerkte ich einen alten Mann der neben mir saß und in den Armen ein ganzes Stück Brot und eine Packung Milch hielt. „Mama, warum dürfen wir nicht auf den Traktor um zu flüchten?“, fragte ich meine Mutter, die mit meinem damals zweijährigen Bruder im Arm und nur mit dem nötigsten in der Tasche nicht wusste wohin mit uns. „Das ist nur für Muslime!“ Ich hab damals nicht verstanden, warum diese Traktoren nur für Muslime gedacht waren. Meine beiden besten Freundinnen damals gehörten nicht zu den vielen lebenden Kroaten in Bosnien. Die eine war Muslime, die andere Serbin. Vor dem Krieg wusste niemand um die Nationalität des anderen bescheid. Es interessierte einfach niemanden. Irgendwann wurde man als Kroate auf offener Straße erschossen. Heute weiß ich: Rassismus und der Balkankrieg gehören zusammen wie ein Paar Schuhe.

Serben kämpften gegen Kroaten. Kroaten gegen Bosnier, und diese wiederum gegen die Serben. Und im Grunde kämpfte jeder gegen jeden. Feindliche Soldaten rückten immer weiter in unsere Städte und nur die Häuser in den hohen Tälern blieben auf längerer Zeit von der Zerstörung und Plünderung verschont. Eines Tages –von draußen hörte man Schießereien und Bombenflugzeuge- lief mein Cousin in unser Haus. Er war blutüberströmt. Man hatte ihm ins Bein geschossen. Als die Bomben immer regelmäßiger wurden, liefen wir aus dem Haus durch unser Gemüsefeld. Ziel war das Haus unserer Nachbarin, die einen großen Keller besaß, der uns von den aufprallenden Bomben der Flugzeuge Schutz bieten sollte. Und so liefen wir, ich an der Hand meiner Mutter und diese meinen kleinen Bruder in der Hand haltend über das Feld während um uns herum die Serben schossen und über uns die Flugzeuge kreisten. „Schweine“. So nannte man die Flugzeugbomben. Im Keller angekommen, saßen wir alle verängstigt wie Ratten. Um uns explodierten Häuser. Ich pfiff das Fallen der Bomber nach. Mama sagte, ich sollte damit aufhören. Wir hatten alle Angst. Irgendwann fing mein kleiner Bruder zu weinen an. Er hatte Hunger. Mein Vater ging raus und lief wie wir durch das Feld ins Haus zurück, um Schnuller und Essen für den Kleinen zu holen – mitten während draußen die Hölle tobte.

Die nächsten Tage – die Schießereien hörten nun nicht mehr auf– flüchteten wir mit dem Auto nach Zagreb zu meinem Onkel. Ich erinnere mich, dass wir uns alle irgendwann in einer 100 Quadratmeter großen Altbauwohnung mitten im Zentrum der Stadt befanden. Mama, Ivan , ich und weitere Flüchtlinge aus Bosnien, die irgendwie mit uns verwandt waren. Meine Tante – eine sehr launische Frau – hatte jeden Tag depressive Laune und machte uns allen das Leben schwer. Nicht nur, dass wir unsere Heimat verlassen hatten, unseren Vater in Bosnien zurücklassen mussten und wir nur 400 Mark hatten, da ließ diese Frau jeden Tag ihre schlechte Laune an uns raus. Wir Kinder hatten immer still und leise zu sein. Das Bett wurde mit anderen Flüchtlingen geteilt und nachts traute ich mich nicht auf die Toilette zu gehen, weil das Parkett in der alten Wohnung derartig laute Geräusche von sich gab, dass ich fürchtete, die Frau würde davon geweckt werden und mich beschimpfen. Eines Tages gab mir Mama ein bisschen Geld. Ich sollte davon im Laden um die Ecke Bananen kaufen. So ging ich mit meiner älteren Cousine und besorgte uns ein Kilo davon. Sie waren schon so derartig reif, dass sie unheimlich süß rochen. Oft gingen wir nachmittags im Park spazieren und wenn wir zurückkamen, gab es nichts zu essen. Man ließ dem anderen vom Mittagessen nichts übrig. Wir waren einfach zu viele und manchmal war das Brot einfach zu knapp. Ich brachte also die Bananen zu meiner Mutter. Es waren die besten, die ich je in meinem Leben gegessen habe. Ab und zu telefonierte Mama mit Papa. Am Telefon sah ich sie immer weinen.


Irgendwann zogen wir aus der Wohnung aus und bekamen Unterkunft bei einer Bekannten in der Stadt. Sie war Muslime. Sie nahm uns bei sich auf. Uns und noch eine Tante aus Bosnien mit ihren zwei Kindern. Ich erinnere mich, dass mein Onkel eines Nachmittags an der Tür stand. Wir dachten es sei Papa. Mama brach in Tränen aus, und ich saß die nächsten Tage in der Ecke voll Todesängste um meinen Vater, nicht wissend, ob dieser überhaupt noch leben würde. Im Grunde erinnere ich mich nicht daran, einen einzigen Tag während der Kriegszeit erlebt zu haben ohne der Angst, ob Papa den Krieg überleben würde, ob er überhaupt noch lebe, denn manchmal hörten wir tagelang nichts von ihm. Es war die Hölle. In den nächsten Wochen kam uns Papa besuchen. Wir alle weinten. Irgendwann gingen wir alle in den nahe gelegenen Park und genossen die letzten Stunden, die uns geblieben waren, bevor Papa sich wieder Richtung Bosnien aufmachen sollte. Richtung Krieg.

Irgendwann in den nächsten Wochen holte er uns mit dem Auto ab. Die Schießereien hätten sich ein wenig gelegt. Gerade vor der Haustür aus dem Auto ausgestiegen, fiel ein Schuss. Der Krieg sollte noch nicht sein Ende nehmen. Papa brachte uns erneut zum Busbahnhof. Wir verabschiedeten uns von ihm. Und wieder mussten wir ihn zurückzulassen. Mama weinte und wir schauten aus dem Bus zu Papa nach draußen, dem ebenfalls die Tränen das Gesicht runter flossen. Unser Ziel war diesmal Osijek in Slawonien und im Gegensatz zu unserer ersten Flucht hatten wir nur 20 Mark in der Tasche. In der Stadt kannten wir niemanden. Papa hatte uns die Adresse von seinen Verwandten gegeben, bei denen wir auf unbekannte Zeit wohnen sollten. Doch dort war kein Platz mehr für uns. Alles war voll mit Flüchtlingen. Man hatte uns zu einer zweiten Familie geschickt, doch dort konnten wir ebenfalls nicht wohnen. Erst als man uns zur Familie von Papas Cousin schickte, konnten wir uns eine Bleibe erhoffen. Wir wohnten in einem Zimmer, welches die Kinder für uns geräumt hatten. Nachts störten Mäuse unseren Schlaf. Dennoch war dies eine schöne Zeit. Ich erlebte sie unbeschwerter als die Zeit in Zagreb. An Herbstabenden saß ich mit meinen Freundinnen am Lagerfeuer und wir hielten unsere Kartoffeln, die wir auf Ästen aufgespießt hatten über eine Feuerstelle. An Wintertagen bauten wir Schneemänner und fuhren mit unseren Schlitten die Kanäle runter. Nach sieben Monaten kam Papa nun endlich. Doch er blieb nicht lange. Er fuhr nach Deutschland.

Nach zwei Monaten bat er uns nachzukommen. Er hatte Arbeit und eine kleine Wohnung gefunden. Wir fuhren mit einem unbekannten Mann, den Papa für uns organisiert hatte, nach Deutschland. Dort angekommen, überkam meine Mutter das blanke Entsetzen. Ein 18 Quadratmeter kleines Zimmer in einer Baracke in Harsewinkel. In der Baracke hatten wir den Alltag mit anderen Flüchtlingen und Asylanten aus anderen Ländern zu bewältigen. Bosnier, Albaner, Türken, Afrikaner und Läuse. Nach einigen Monaten zogen wir nach Versmold um. Nun sollte ein wirklich normales Leben beginnen. Noch Jahre später kämpften wir für unser Bleiberecht. Jahre voller Stress und Angst. Manchmal traute man sich nicht in den Briefkasten zuschauen, aus Angst, dort würde unsere Abschiebung auf uns warten. Viele mussten Deutschland verlassen und in ihre zerbombten Länder zurückkehren.

Viele sind im Krieg umgekommen. Einige haben sich aus Wahnsinn umgebracht. Viele haben ihre Väter verloren und die meisten ihre Kindheit. Und ich bin ein Kriegskind. (Annemarie B.)

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