Ben Harper – Lifeline



Jeder Musikliebhaber hat so ein paar Hausnummern, bei denen er oder sie ohne lange zu überlegen zugreift. Wenn Monate vor dem Release durchsickert, dass der entsprechende Act ein neues Album rausbringt, ist der Plattenkauf eine Minute später schon in trockenen Tüchern.

Bei jeder Veröffentlichung seit „The Will To Live“ geht es mir bei Ben Harper so. Fight For Your Mind hatte den Mund wässrig gemacht. Da musste das damals bald rauskommende neue Album natürlich auch sofort gekauft werden. Das im Rückspiegel immer besser werdende aber doch relativ enttäuschende Burn To Shine, das, zumindest mir, wenig sagende Diamonds On The Inside und das erfrischende und auf die Stärken besonnene Both Sides Of The Gun hießen die Nachfolger. Ende August erschien nun Ben Harpers siebtes, analog in Paris aufgenommenes, Studioalbum Lifeline. Natürlich wurde auch dieses sofort erworben und in den digitalen Plattenspieler gelegt. Leider entwickelte es sich für mich zu etwas ähnlich Ernüchterndem wie Burn To Shine und Diamonds On The Inside.

In elf Kapiteln stellten Harper und seine Innocent Criminals uns ihr neuestes Werk vor. Die interessantesten drei Kapitel kommen dabei gleich am Anfang. Fight Outta You, In The Colors und Fool For A Lonesome Train können einiges und überzeugen durch Homogenität, laid-back-Eleganz und einer akustischen Herangehensweise an etwas schnellere Nummern, die man bei Harper manchmal etwas vermisst hat. Hier ein wunderschönes Gitarrenriff, dort ein verspieltes Piano mit Juan Nelsons Bassbegleitung und da hinten eine wehmütige Mundharmonika. Ein gelungener Start in die neue Scheibe!

Leider kommt mit Kapitel Nummer vier, Needed You Tonight, die Langeweile. Die Tempiwechsel stören hier etwas zu sehr und wirken gezwungen. Stücke wie Having Wings, Younger Than Today und Heart Of Matters tun niemandem weh, aber das gab es von Harper und seinen Kriminellen alles schon mal – und zwar besser. Say You Will geht als einziger Track leider überhaupt nicht. Gefällige Musik, biederer Text und unglaublich nervende Backgroundsängerinnen lassen keine Sympathie aufkommen. Einzig Put It On Me kann mit seiner freudig spielerischen Leichtigkeit in der Mitte des Album punkten.

Das Instrumental Paris Sunrise #7 ist zwar ein nettes Intro zum abschließenden Titeltrack Lifeline, jedoch mit über fünf Minuten um knappe drei zu lang geraten. Aber irgendwie passt die Nummer ohne Gesang zum Album und zum Song „Lifeline“. Das elfte Kapitel kommt in dem Gewand daher, dass ich bei Harper am liebsten mag. Seine Stimme, eine Akustikgitarre, mehr braucht ein guter Ben Harper-Track nicht. Lifeline gehört zwar zu den besseren Momenten auf dem siebtem Studioalbum, kann Stücken dieser Tradition wie Another Loneley Day, Walk Away oder I Shall Not Walk Alone aber bei weitem nicht das Wasser reichen.

Lifeline ist kein schlechtes Album. Und wenn ich ehrlich bin auch meilenweit davon entfernt Harpers durchschnittlichste LP zu sein (das ist und bleibt für mich „Diamonds On The Inside“). Wenn man einen Musiker aber dermaßen wertschätzt, wird die „Neue Album-Latte“ relativ hoch gelegt. Und diese, meine persönliche, hat Lifeline leider gerissen. Freunde bleiben wir natürlich trotzdem Ben.
[Sascha Knapek]

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