Decemberists @ Live Music Hall, Köln


Was veranlasst eine US-amerikanische Band, könnte man fragen, deren aktuelles Album bereits ein knappes Jahr alt ist, und die bereits im Frühjahr durch europäische Clubs von überschaubarer Größe tourte, noch einmal für gute vier Wochen über selbigen Kontinent zu streifen? Entweder man hat sich in der Zwischenzeit über die Musikszene einen Bekanntheitsgrad in der Größenordnung von Metallica oder Bon Jovi erspielt, oder man ist so enorm selbstbewusst, dass man riskiert, in einer etwas größeren Location, wie der Live Music Hall in Köln vor einem Publikum zu spielen, dass man schlimmstenfalls an drei Händen abzählen kann. Und wenn jetzt die Band, die sich an jenem Abend in Köln auf die Bühne begab, und auf den melancholischen Namen „The Decemberists“ hört, dann wird sicherlich die Mehrheit der Leser an letztere Variante denken. Böse Zungen könnten auch angesichts oben erwähnter Besorgnis um das Feedback der Band aus Portland, Oregon behaupten, hier hätte man es mit einer Form von musikalischer Selbstverliebtheit zu tun.

Für die Band sprach bis zu jenem lauen Spätsommerabend in Köln immerhin die Tatsache, das man mittlerweile in den USA zu einem festen Bestandteil der Indie-Rockszene gehört und auch auf größeren Festivals beim Publikum gern gesehener Gast ist. Der Auftritt im Prime Club im Frühjahr lies ebenfalls aufhorchen, als die Band einen begeisterten Auftritt hinlegte – all die bereits erwähnte Skepsis also hinfällig?

Der Reihe nach: Um ca. 21 Uhr betrat die fünfköpfige Band die Bühne. Frontmann Colin Meloy, der mit seinen schwarzen Hosenträgern, weißem Hemd und grün-brauner Kordhose optisch an ein Mitglied der amerikanischen Hinterwäldlergemeinde der Amisch erinnerte, stimmte die ersten Akkorde des aktuellen Albums „The Crane Wife“ ein. Zu Beginn hatte Meloy noch sichtlich mit den Unannehmlichkeiten der äußeren Umstände zu kämpfen. Die Tatsache, dass es in der Halle geschätzte 30 Grad Lufttemperatur waren – wohlgemerkt im späten September! – und die Erkenntnis, dass er auch ohne Mikro eigentlich ganz gut zu verstehen ist, ließ Meloy zu einem kurzen „It is weird“ hinreißen. Auch das zwischen den Songs immer wieder eingestreute „no complaining“ wirkte eher als nüchterner Kommentar auf das Zusammenspiel mit den anderen Bandmitgliedern als ein an das Publikum gerichtetes „Wohlfühlgefühl“.

Der Stimmung sollte das aber keinen Abbruch tun. So war das Publikum, unter denen sich auch, im Gegensatz zum bereits erwähnten Auftritt im Prime Club, die Costello und Dylan Generation einschlich, bereits vor dem Auftritt der Decemberists bei guter Laune, was nicht zuletzt dem an dieser Stelle mal gewürdigten Support „Land of Talk“ aus Montreal zu verdanken war.

So spielte sich die Band mit dem Wohlwollen des Publikums durch ihr Set, das man irgendwo zwischen Folk und Rock einordnen kann. Höhepunkte dabei sicherlich das 12 Minuten Epos „The Island“, bei denen sich auch die anderen Bandmitglieder auszeichnen konnten. Jenny Conlee bediente wahlweise Akkordeon und Stagepiano und inszenierte noch dazu ein wundervolles Duett mit Meloy in dem Song „Yankee Bayonet“. Drummer Chris Funk sorgte zwischenzeitlich für ungewollte Erheiterung beim Publikum als er sich verspielte und daraufhin die Drumsticks in die Ecke schleuderte. Aber die spontane Komik, die die Band aus diesen kleineren Fauxpas entwickelte, sorgte letzten Endes paradoxerweise dafür, dass sie mit zunehmender Spielzeit immer lockerer wurde und musikalisch sicherer wurde.

Andere Prioritäten setzen war sowieso an diesem Abend und an diesem Ort die bessere Wahl. Denn anders als noch bei jenem Auftritt im Prime Club, war mit Crowdsurfen der Band, angesichts der nicht lückenlos besetzten Halle und dem teilweise fortgeschrittenen Alter des Publikums, nicht viel zu holen. Überhaupt hatte man das Gefühl, dass Meloy mit den gegebenen Umständen das Beste aus der Situation herausholte. So sorgte er mit seiner jungenhaften an Brian Molko erinnernden Stimme in „The Engine Driver“ und „On The Bus Mall“ vom Vorgängeralbum „Picaresque“, für Gänsehautatmosphäre, bevor die Band nach gut

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eineinviertel Stunden für den Zugabenblock noch einmal auf die Brutkasten warme Bühne trat, um mit dem „Mariner’s Revenge Song“ ein letztes Highlight zu setzen. Das Publikum wurde bei diesem Stück, das von seiner künstlerisch darstellenden und erzählerischen Struktur fast an musicalähnliche Formen erinnerte, von Meloy mit entsprechenden Anweisungen versehen. Dieses reagierte zunächst mit etwas Verlegenheit auf die spontane Einlage, trug aber letztlich doch zum Gelingen dieser phantasievollen, slapstickartigen Geschichte bei.

So konnte man auf dem Rückweg vor allem die Erkenntnis gewinnen, das man es hier und heute mit einer Band zu tun hatte, die es sich erlauben kann, auch mit 2/3 Energie eine dermaßen professionelle und unterhaltsame Performance hinzulegen. Da mögen einige schon von Indie-Rock Olymp sprechen. Wenn dies zu hochgegriffen ist, dann ist zumindest sicher, dass heute die Götter – wenn es denn welche gibt – auf Seiten der Decemberists aus Portland, Oregon waren.

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