Raymond Carver 2


In meiner Lieblingsgeschichte von Raymond Carver wird ein Mann von einem Hausierer ohne Hände besucht, der Polaroids von Häusern macht und diese an die Besitzer verkauft. Am Ende dieser sonderbar ruhigen Erzählung, die sich über drei Seiten erstreckt, läßt sich der Mann fotografieren, während er auf dem Dach des Hauses Steine wirft so weit er kann.

Der Erzähler Raymond Carver, der in den 80er Jahren mit seinem Erzähl-Stil eine wahre Minimalismus-Welle loslöste, ist ein Fall für sich. Seine Protagonisten sind meist normale Menschen mit dem Leben, der Sehnsucht und den Problemen eben dieser. Unter der Oberfläche brodelt es jedoch. Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, Erinnerungen oder die schlichte Desillusion unter dem Deckmantel der Liebe. Anstatt die Tragik der Situation oder der Vergangenheit auszubeuten, fokussiert Carver jedoch meist Nebensächliches. Und obwohl (und vieleicht gerade weil) Carver diese Schwachstellen und Gefühle nicht in´s Zentrum rückt und sie nicht mit unnötigen Metaphern schmückt, wird ihr Dringen offensichtlich. In einer seiner beeindruckendsen Geschichten, die zunächst auf einem seiner ersten Erzählbänden „Wovon wir reden, wenn wir von der Liebe reden“ Platz fand und auf „Die Kathedrale“ in einer deutlich längeren Fassung zu finden ist, geht es um einen kleinen Jungen, der an seinem Geburtstag von einem Wagen angefahren wird, während ein Bäcker seine Geburtstagstorte macht. In dieser Geschichte tritt Carvers lakonische Erzählweise, trotz der Länge der Erzählung, mehr denn je zum Vorschein. Die knappen und stets prägnanten Sätze, die so viel unausgesprochenes in sich beinhalten, sind es, die diesen Erzählstil auszeichnen. Es ist die fast schon nebensächlich wirkende Beschreibung des Geschehens und die liebevoll warme Beschreibung am Ende, wenn die beiden gebrochenen Eltern beim Bäcker in „einer kleinen, guten Sache“, dem Essen, Trost finden. Dieses beeindruckende Fingerspitzengefühl, das mit wenigen Worten viel ausdrückt und Carvers Fähigkeit gerade in dem ungesagten das meiste auszudrücken. Das Leben passiert nicht in der Handlung selbst, sondern irgendwo an den Randstellen der Erzählung, während die Figuren inren Alltag durchleben, Freunde besuchen oder einfach nur andere beobachten. Das Entscheidende ist das Gefühl und die Wahrnehmung der Figuren, die paradoxerweise zugleich nur anhand von kleinen Fährten angedeutet wird. Das ist Carvers Erzählkunst.

Und der Rezepient? Der liest, fängt die Stimmung auf, stolpert über die Lücken und wird von ihnen noch lange Zeit verfolgt. Carvers Kurzgeschichten lassen sich trotz ihrer knappen Beschreibungen und der geringen direkten Metaphorik häufig mit Filmen vergleichen. Vielleicht gerade weil der lakonische Stil assoziativ viele Bilder beim Lesen hervorruft. Und in dem Film-Universum ist Carver wohl näher an Siegfried Kracauers Vorstellung von Filmästhetik, als an der Arnheimschen. Er ist der Realist und Fotograf, der unverfälscht wiedergibt. Sich wie ein kleines Spielkind kleinen Details widmet und damit näher am wahren Leben steht. Emotionen werden nicht ausgeschlossen, jedoch auch nicht fokussiert.

Auch Raymond Carvers Leben selbst war nicht unproblematisch. Lange Zeit litt er unter massiven Alkoholproblemen und hat nach der frühen Hochzeit mit 18 Jahren eine Scheidung hinter sich gebracht. Dies bringt den Autor näher an die Protagonisten, deren Alltagssituationen er immer wieder in den Fokus rückte, während die Lucky Days stets wie alte 8mm Aufnahmen irgendwo verschwommen und verzerrt im Hinterkopf abgespielt werden. Raymond Carver starb im Jahre 1988 im Alter von 50 Jahren an Lungenkrebs. Was gefolgt wäre, bleibt reine Spekulation. Nachdem Carvers frühe Erzählungen selten länger als 10 Seiten sind, fand er im späteren Erzählband „Die Kathedrale“ seine Zuneigung zu längeren Geschichten. Seiner Erzählart blieb er stets treu und verfeinerte diese. Zuletzt beschäftigte er sich wieder mit Lyrik und verfasste, wie bereits in den Anfängen seiner Karriere, zahlreiche Gedichte.

Die größte Aufmerksamkeit bekam Carver posthum durch den Film Short Cuts, der nach seinem frühen Tod von Robert Altman gedreht wurde. Hier wählte der Regisseur einige der Erzählungen Carvers als Vorlage für den Film, für den er später einen Oscar bekommen sollte. Dabei beschränkte sich Altmann nicht nur auf eine reine Verfilmung der Kurzgeschichten. Hier und da verändert er die Erzählungen. Die größte Veränderung ist jedoch das vermischen der einzelnen Geschichtsstränge. Was ursprünglich eine lose Sammlung unterschiedlicher Kurzgeschichten im Carver-Universum war, entwickelt sich bei Altmann zu einem vollständigen Film, in dem die einzelnen Stränge miteinander verwickelt sind. Hier und da greifen die Figuren der unterschiedlichen Geschichten in die Leben der anderen ein. Die dargestellten Geschichten sind nur einige von unendlich vielen Dramen, die sich Tag für Tag im Leben durchschnittlicher Menschen ereignen. Dies wurde bereits in den Erzählungen Carvers immer wieder deutlich. Bei Short Cuts wird dies jedoch noch deutlicher. Immer wieder werden die Wege der Figuren von Menschen gekreuzt, die ebensogut in den Fokus rücken könnten und es später teilweise sogar tun. Die Kamera ist hierbei nur ein wahlloses Instrument. Und auch wenn es Altman nur bedingt gelingt Carvers Stil in Bilder zu transformieren, gelang ihm mit Short Cuts ein sehr guter Film. Näher an Carvers Erzählstil ist wohl der Film „9 Lives“, den wir bereits in der letzten Ausgabe präsentiert haben.

Nach einem kleinen Schub durch „Short Cuts“ und der großen Minimalismus-Welle der 80er Jahre, sank das allgemeine Interesse an Carvers Werk. Insbesondere in Deutschland ist er in der Literaturwissenschaft heutzutage leider eine Unbekannte. Doch ganz in Vergessenheit ist er nicht geraten. Hin und wieder findet man neue Sekundärliteratur zu seinen Werken. Und eben in den Köpfen, Herzen und Regalen derjenigen, die Carvers Gedichte und Erzählungen für sich entdeckt haben. Das ist die Unsterblichkeit des Autors und seiner Erzählkunst.


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2 Gedanken zu “Raymond Carver