Pearl Jam – Touring Fan 2007 1



Als Fan einer Band die ihren Popularitätshöhepunkt vor gut und gern zwölf oder dreizehn Jahren gehabt hat, muss man sich oft schon mal ein paar komische Fragen stellen lassen. „Gibt’s die überhaupt noch“, „Pearl Jam, wer soll das sein“ oder „spielen die nicht so Nirvana-Zeug“, sind nur drei solcher Fragen denen man als PJ-Anhänger im Freundes- und Bekanntenkreis so begegnet. Manchmal fühlst du dich dann wie ein Relikt längst vergangener Zeiten und an die eigenen Eltern erinnert. Wenn diese dir vor fünfzehn oder zwanzig Jahren etwas von den ’Rattles’ oder sonst einer, wie du damals dachtest, altertümlichen Kapelle erzählten, hatte man im jungendlichen Leichtsinn auch nur ein müdes Lächeln für die Erziehungsberechtigten übrig.

Wenn du dann auch noch erzählst, dass du 2006 auf sechs Pearl Jam-Konzerten warst und dieses Jahr, 2007, planst auf drei weitere zu gehen, ist in 99% der Fällen jegliches Restverständnis dahin. Aber gut, im Prinzip kann ich jeden, der so reagiert verstehen. Denn keine andere Band der Welt wäre mir neun Konzerte in fünf verschiedenen Ländern innerhalb von gut vierzehn Monaten auch nur ansatzweise wert. Ob ich das Ganze gleich ein klein wenig rational verständlicher machen kann, bezweifle ich. Ein kleiner Erfahrungsbericht ist aber mindestens drin. Und wer bei Musik nur nach Rationalem sucht, hat eh das Wichtigste nicht verstanden.

2007 entschied ich mich für die Konzerte in München, Düsseldorf und Nijmegen. Die Shows des Vorjahres waren noch sehr frisch in meiner Erinnerung und dass es diesmal weniger werden sollten war mir schnell klar. Mit meinem Geldbeutel und dem Terminkalender wären Verhandlungen ohnehin unsinnig gewesen. Jeder der drei Gigs würde bequem mit dem Auto zu erreichen sein und zwischen den Daten lagen immer auch ein paar Tage um das Erlebte sacken zu lassen und sich auf das nächste Konzerte zu freuen. Eine Lehre die ich aus dem Vorjahr gezogen hatte. Denn zwei Konzerte innerhalb von 24 Stunden hatten, für mich, nicht immer nur positive Seiten.

München machte am 12. Juni den Beginn. Der längste Anreiseweg (knapp 500 km) entpuppte sich als weniger schlimm als befürchtet und eine halbleere Olympiahalle ließ uns nach dem Konzert auch eher positiv überrascht in die Schlafsäcke steigen. Aber eins nach dem Anderen. Etwas mulmig war uns allen nämlich schon als wir im Innenraum der Örtlichkeit standen und ein Blick auf die Ränge außer gähnender Leere kaum etwas hergab. Die Stehplätze füllten sich zwar noch relativ gut, aber eins der am schlechtesten besuchten Konzerte der Tour war München auf jeden Fall. Zum Glück wurden die Musiker aus Seattle ihrem Ruf gerecht vor eher spärlichem Publikum ungewöhnliche Sets zu spielen. „Sometimes“, „Footsteps“ und das Neil Young-Cover „Throw Your Hatred Down“ waren nur drei der diversen Raritäten die uns Pearl Jam an diesem Dienstagabend servierten. Die Zuschauer, die gekommen waren, taten dies aus tiefstem Herzen, verbreiteten eine großartige Stimmung und zogen die Band regelrecht mit. Die weite Anreise hatte sich mehr als gelohnt und ein besseres erstes Konzert hätte ich meiner kleinen Tour nicht wünschen können.

Neun Tage später ging es Richtung Düsseldorf. Der Ferienstart in NRW und die damit verbundenen Staus bescherten uns vor dem Konzert ein wenig unnötige Hektik. Jedoch einmal in der Halle angekommen sorgten Fanclubbändchen und zwei, wie ich fand, eher mäßige Vorbands (Futureheads und Interpol) für benötigte Verschnaufpausen. Die äußerst chaotische Organisation des gesamten Konzerts sei hier übrigens nur nebenbei erwähnt. Für zukünftige Konzerte im Düsseldorfer ISS-Dome hat der Veranstalter hoffentlich ein paar Lehren gezogen. Aber zurück zum Konzert. Im Gegensatz zu München war die Lokalität in Düsseldorf bei Pearl Jams Betreten der Bühne fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Erneut wurde mit „Sometimes“ eröffnet. Ab diesem Zeitpunkt wurden die knapp 11.000 Anwesenden Zeugen von Etwas, das selbst äußerst routinierte PJ-Konzertbesucher (es soll nicht wenige Fans geben die schon mehr als 100 Konzerte der Band gesehen haben) als besonders gute Show der Amerikaner bezeichneten. Die gruppeninterne Kommunikation sprach Bände. Da hatte jemand auf der Bühne mindestens genauso viel Spaß wie der Gegenpart, das Publikum. Äußerst selten gespielte Lieder wie „Breath“, „I’m Open“ oder „Rats“ wurden aus dem Hut gezaubert und ergänzten sich wunderbar mit bekannten Brechern wie „Why Go?“, „Not For You“ oder dem Sahnehäubchen jedes PJ-Konzert, „Yellow Ledbetter“.

Das gerade Bestaunte wurde nach dem Konzert noch mit Gleichgesinnten auf einer fanorganisierten Aftershow-Party in der Düsseldorfer Altstadt bis in die frühen Morgenstunden vertieft und auf der eigenen Konzertrangliste ganz weit oben abgespeichert.

Zum Abschluss stand am 28. Juni ein Abstecher nach Holland an. Der Wetterbericht verhieß für das Open-Air Konzert nichts Gutes. Sogar bis gut eine Stunde vor dem Einlass regnete es mitunter wie aus Kübeln. Erinnerungen an die Regenorgie in Verona im letzten Jahr wurden wach. Diesmal hatte Petrus aber ein Einsehen mit den ungefähr 30.000 angereisten Besuchern und so schien pünktlich zur Öffnung des Geländes die Sonne. Das als kleines Festival angelegte Konzert (mit Perry Farrell’s Satellite Party, den Kings of Leon und Incubus gab es drei Vorbands) entpuppte sich als entspannte und überraschend sonnenbrand-gefährliche Veranstaltung. Pearl Jam präsentierten an diesem Abend zwar weniger Raritäten, aber einen mehr als gelungenen Schlusspunkt unter meine kleine Tour. Der Opener „Release“, ein unerwartetes „Nothingman“, das wunderschöne „Wishlist“ und die bittersüße Erkenntnis während „Yellow Ledbetter“, das jetzt alles wieder vorbei ist, sind nur einige der schönen und sonnigen Erinnerungen dieses Tages die einem keiner nehmen kann.
Auf die Frage „spielen die nicht eh jeden Abend dasselbe?“, habe ich zum Schluss noch folgende, rationale, Antwort. Über diese drei Konzerte verteilt spielten Pearl Jam in knapp sieben Stunden 81 Songs. Unter diesen 81 waren 54 Verschiedene. Es gibt nicht viele Bands auf dieser Welt die Besucher ihrer Konzerte mit solchen Rotationen verwöhnen. Und genau das ist einer der Gründe wieso ich jedes Mal wieder auf mehrere Konzerte dieser Altherrenkapelle aus Seattle gehen würde. Im Freundes- und Bekanntenkreis mag das vielleicht niemand so wirklich verstehen, aber das ist egal. Denn die bekloppten Gleichgesinnten trifft man dann ja eh vor, während und nach der Shows. Und darauf freut man sich fast genauso wie auf die Konzerte selbst. (Sascha Knapek)


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