Marble Man – Sugar Rails



In der Woche, als Elliott Smith starb, verlor meine Liebe ebenfalls zum ersten mal den Verstand und brach zusammen. Einen Tag nach seinem Selbstmord stand ich stumpf in einem Dortmunder Club herum, der zuletzt einem Aldi-Discounter weichen musste, und wartete auf ein langweiliges Belasco-Konzert. Als der DJ vor dem Konzert „Needle In The Hay“ spielte, verging mir endgültig die Lust auf laute Musik und im Kopf meldete sich diese altkluge „Wunderbare Jahre“ Stimme mit ihrer nervigen „nichts wird mehr sein wie es einmal war“ Botschaft.

Das ist die Erinnerung, die sich aufdrängte, als ich das Solodebüt von Marble Man zum ersten mal im CD Player kreisen ließ. Schuld an diesem unausweichlichen Assoziations-Schnitzelrennen ist die Stimme und das Songwriting, die einen auf der Stelle packen und in die Vergangenheit boxen. Irgendwo zwischen „XO“ und „Either/Or“…vielleicht auch „Roman Candle“. Das schaffte zuletzt nicht einmal die Resteverwertung „New Moon“. Kaum vorstellbar, dass das hier kein Elliott Smith Album ist, sondern das Debüt eines 19jährigen Song-writers, der Josef Wirnshofer heißt und aus Bayern kommt.

Hier gibt es kein Malen nach Zahlen in der Smith-Ausführung. Keine Schablone wird hier aufgelegt. Deswegen vergessen wir nun die Referenz. Wer der Marble Man Platte genau zuhört, entdeckt den eigenen Stempel, der hier sanft aufgedrückt wird und möchte den Bayern nicht mehr auf irgendwelche Referenzen reduzieren. Feinfühlige Akzente, sonderbare Sounds, die mit der Mundharmonika tanzen oder wuchtige Ausbrüche sind es, die diesem Album so viel Reife verleihen und von der Referenz lösen. Und allen voran natürlich die Kraft den Hörer mit einer derart minimalisierten Musikbegleitung und großartigen Songs wie „Slowly Dying Star“ zu fesseln und an die Hand zu nehmen. Insbesondere gelingt ihm das beim Titelsong „Sugar Rails“ und dem wahnsinnigen Abschluß der Platte „Talking In Reverse“.
Hier gibt es Karfreitag und den Ostersonntag auf einmal. Das ist Dialektik, mein Zuckerherz, habe ich ihr gestern Nacht gesagt und mich mit „The Boy With His Hat“ im Hinterkopf glücklich schlafen gelegt. Chapeau.
(Sebastian Jegorow)

Hier geht es zur Myspace-Seite des Musikers.

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