Gibt es Liebe auf den ersten Ton?



Die Liebe auf den ersten Blick – ein Mysterium, dessen Existenz wahrscheinlich für immer unbewiesen bleiben wird. Manche behaupten, sie schon mal getroffen zu haben, irgendwo zufällig am Obststand im Supermarkt, auf der Party des besten Freundes oder sogar völlig verschnupft im total überfüllten Wartezimmer beim Arzt. Doch die meisten Menschen dieser Welt wünschen sich immer noch, wenigstens einmal im Leben mit dieser bezeichnenden Persönlichkeit, diesem Kometen der Gefühlswelt, Bekanntschaft zu machen. Viele würden auch die Liebe auf den zweiten Blick nicht von der Bettkante stoßen, aber noch nicht einmal die ist so leicht zu finden.

Wie sieht es mit der Liebe auf den ersten Ton aus? Kann es sein, dass man sich sofort in eine Musik verliebt, vom ersten Klang an, der sich den Weg durch die Ohrmuschel ins Gehör verschafft? Kann es sein, dass man von diesem ersten Moment an weiß, dass man mit dieser Musik, mit dieser Stimme, mit diesen Rhythmen und Melodien alt werden will? Ja, es kann sein. Und im Gegensatz zu ihrer zu Unrecht mehr beachteten großen Schwester lebt die Liebe auf den ersten Ton nicht nach dem Prinzip, dass es besser ist, sich rar zu machen. Vielmehr lässt sie sich allzeit und überall gerne blicken. Oft macht sie sich klammheimlich an einen heran, ohne dass man es merkt und ehe man sich versieht ist es auch schon passiert. Aber wie fühlt sie sich eigentlich an, die Liebe auf den ersten Ton?
Ein Schlagzeugtakt, ein Gitarrenintro, der Klang eines Klaviers oder einer Stimme, ein paar Streicher, welcher musikalische Klang auch immer. Sie lassen einen aufmerksam werden. Das Herz schlägt schneller, das Blut in den Adern beginnt zu pulsieren und das allbekannte Bauchkribbeln macht sich auf, den ganzen Körper einzunehmen. Und man denkt nur: Das ist sie, meine Musik! Die will ich kennen lernen! Man lernt sie kennen, in all ihren Facetten und man merkt: Das ist sie immer noch! Denn die Liebe auf den ersten Ton, hat sie einen erst mal erwischt, ist immer genau im richtigen Augenblick da. Man kann es sich gut mal zusammen mit ihr zu Hause gemütlich machen, mit ihr zusammen abrocken, in ihrem Beisein die Welt verfluchen, die verrücktesten Pläne schmieden, das Gefühl mit ihr teilen, die Welt auf den Kopf stellen zu wollen, die Nachbarn terrorisieren oder einfach nur gemeinsam an die Decke starren. Mit ihr ist es nicht mehr ganz so schlimm, morgens um 7 Uhr aufstehen zu müssen und unter der Dusche kann man wunderbar in ihrer Begleitung singen.

Sie kann einfühlsam und leise sein, aber genauso gut kann sie ziemlich aufdrehen und auch mal etwas lauter werden. Und manchmal kann sie dann doch irgendwann ganz schön nerven. Dies muss aber bei der Liebe auf den ersten Ton nicht zwangsläufig heißen, dass fortan getrennte Wege gegangen werden. Sie nimmt es einem nicht übel, wenn man ihr für kurze oder längere Zeit den Rücken zukehrt. Im Gegenteil, in dieser Hinsicht ist sie ziemlich liberal. Sie verlangt nicht, dass man wegen ihr in einer monogamen Klangwelt lebt. Es ist in Ordnung, wenn man sich in andere Musik verliebt. Und genau das ist das Geheimnis der musikalischen Liebe. Sie bleibt deshalb bestehen, weil man sich auch anderweitig umhören kann. Man kann ein Lied, das komplette Repertoire eines Künstlers für Jahre vernachlässigen, vergessen, es einfach nicht mehr hören. Dies tut der Zuneigung zu dieser Musik keinen Abbruch. Es kann sein, dass diese Musik dann Monate oder auch Jahre später einfach wieder auftaucht. Sie überrascht einen im Radio, wartet an der roten Ampel auf einen, wenn sie aus der Anlage des Autos vor einem schallt oder begegnet einem auf einem Festival wieder, vielleicht findet sie auch ganz zufällig den Weg in die eigene Musikanlage. Und beim ersten Klang dieser Musik ist es wieder da, dieses Gefühl, welches das Herz schneller schlagen lässt und in der Magengegend selten gekannte Reaktionen auslöst. Das Gefühl, dass man da wirklich wen für´s Leben getroffen hat.
(Vera Hölscher)

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