Daniel Johnston



“listen up and i´ll tell a story ´bout an artist getting old…“ singt Johnston in einem seiner Songs. Die Story wurde in den 90ern bereits oft genug erzählt. In kleinen Skate-Zines, auf der Straße und in kleinen Nischen großer Fernsehsender. Da wo dieser ganze Independent-Scheiß eben zuhause ist. Selbst ein Film wurde dem wahnsinnigen Amerikaner gewidmet. So soll das hier für diejenigen, die sie noch nicht gehört haben, zumindest ein Vorwort zur Musik des Amerikaners sein.

Daniel Johnston ist wohl ein Muster-Indie. Das geisteskranke Genie, das ohne sonderlichen Erfolg in der Gosse vor sich hin dümpelt (nun, in dem Fall im Haus der Eltern) und gar nicht daran denkt aufzuhören. Was könnte man in einem Artikel über den in die Jahre gekommenen Freak-Hero in den Vordergrund stellen? Die Macken vermutlich. Das interessiert doch. Wie er sich einst mit seinen Teufel-Attacken auf der Bühne einen Plattendeal vermasselt hat. Vielleicht sollten aber eher die Songs in den Vordergrund rücken.

Daniel Johnston ist nämlich der Junge, der dir die Zeilen „true love will find you in the end“ vorsingt und dich mit seinem komischen komischen Gesang doch immer wieder aus der Bahn kickt. Derjenige, der dich vielleicht anfangs noch verdammt verstört, weil das so roh und kaputt klingt, was du da zu hören bekommst. Doch irgendwann kriegt er dich doch. Seine ersten Songs brachte Johnston auf kleinen Tapes heraus und verteilte diese fleißig. Zu den Tapes gehörten die legendären „Yip/Jump Music“ und „Hi, How Are You?“, die mithilfe einer billigen Sanyo Boom Box aufgenommen wurden. Darauf findet man einige seiner größten Nummern wie „Sorry Entertainer“. Die Aufnahmen sind Lo-Fi wie aus dem Bilderbuch und die Rythmus-Begleitung wirkt fast schon absurd. Doch die Stücke sitzen. „Casper The Friendly Ghost“, „Walking The Cow“ oder „Don´t Let The Sun Go Down On Your Grievances“ wären noch drei weitere Meisterwerke dieser Art. Drei von vielen, die man auf dem Sampler „Welcome To My World – The Music Of Daniel Johnston“ ebenfalls wiederfindet. Irgendawnn kam eben das Medien-Interesse. Die MTV Music Awarts mit seinem Shirt. 1994 erschien das Major-Debüt „Fun“ bei Atlantic Records und floppte. Die Ernüchterung, dass man mit Johnston kein Geld verdienen kann, kam in etwa so schnell wie die vorangegangene Jagd auf den Songwriter.
2001 folgte mit „Rejected Unknown“ so etwas wie das Comeback. Eine leicht herausgeputztes und ungewöhnlich instrumentalisiertes Spätwerk. Im Fokus steht auch hier natürlich wieder das Songwriting. Songs wie „Impossible Love“ zählen sicherlich zu Johnstons stärksten. Wieviel Potential in den Songs steckt, zeigen auch Künstler wie die Bright Eyes, Beck oder die Flaming Lips, die die Songs des Songwriters auf dem Tribute Sampler „The Late Great Daniel Johnston“ covern. Das geht in alle möglichen Richtungen. Mach was du willst, am Ende bleibt doch der gute rohe Song über, der auch bei den teils überaus gelungenen Coverversionen gut durchkommt.

In dem Film „The Devil and Daniel Johnston“, der 2005 auf dem Sundance Festival zum ersten mal vorgestellt wurde, gibt es die volle Ladung Johnston. Seine Jugend, seine Arbeit bei McDonalds, seine besondere Beziehung zum Teufel, seine Liebe, seine Depressionen, seine Kunst. Und die Musik natürlich. Tapes über Tapes, Songs über Songs. Am Ende des Films wird den Eltern die Frage gestellt, ob er nicht mal einen der alten Songs für den Film spielen würde. Daraufhin kommt Johnston kurz in den Raum. Er trägt ein dreckiges Shirt und sagt „I don´t even know my old songs“. Daraufhin verläßt er den Raum wieder. Auch heute ist Johnston noch unterwegs. Da spielt er die alten Songs auch. Von der Perfektion ist er noch weiter entfernt, denn je. Auf der Bühne zittert er, verfehlt Töne, den Rythmus und berührt trotzdem wie kaum ein anderer Musiker.

Und wie die Geschichte ausgeht? Irgendwann wird er sterben. Am Ende tun sie das doch alle. Und dann werden wir eine weitere Best Of kaufen. Eine Doppel-CD wird das vermutlich sein. Man wird merken, dass man mit Johnston doch Geld machen kann. Alte Aufnahmen werden an Land gespült. In den Magazinen werden wir mal wieder Kurt Cobain sehen. Auf dem Foto trägt er das Johnston Shirt und winkt in die Kamera. Er wirkt glücklich. Vielleicht wird der Sonic-Reducer mitmachen. Nachrufe über Nachrufe. History Repeating over and over again. So stumpf und lieblos kann Musik sein.

Wenn man es sich jedoch gelegentlich neben der Box gemütlich macht, eine Johnston Platte einlegt und sich nur der Musik widmet, dann entdeckt man auch die andere Seite der Musik. Die gibt es und sie ist sweet.
(Sebastian Jegorow)

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