Damien Jurado 4



Meine Entdeckung von Damien Jurado war ein recht unspektakulärer Kauf in einem Elektrofachhandel. Da war Ghost Of David mit dem wunderschön traurigen Mädchen auf dem Cover, das auf einem Polaroid-Foto wegschaut und mich immer wieder an jemanden erinnert. Dies hat als Kaufanreiz gereicht. Man möchte sich solch wichtige Entdeckungen und Momente ganz spektakulär vorstellen. In Wirklichkeit war es aber der völlig profane Vorgang eines Einkaufs.

Die unterbezahlte Frau an der Kasse, die vermutlich an die Pause oder ihren letzten Sex dachte, zog die CD über den Scanner, mein Geld ein und steckte die CD daraufhin in eine dieser kleinen Tüten, die mit einem großen Logo den Elektrofachmarkt anpreisen.

Die Musik verwirrte. Sie passte so gar nicht zu den agressiven Sub Pop Platten aus der verschwenderischen Zeit nach dem Hype. Doch mit der Zeit blieb Damien Jurado stets im Hinterkopf. Die Sympathie zu der Musik des Amerikaners wuchs parallel zu der Sammlung an Platten, die ich nach und nach kaufte und für mich entdeckte.

Der Musiker selbst wurde als Sohn eines Soldaten, ähnlich wie Douglas Coupland, in Deutschland geboren. Nach wenigen Jahren folgte der Umzug in das Seattle-Umfeld. Viel mehr erfährt man vom Leben des Songwriters selten. Wozu auch? Parallel zur Musik unterrichtet er in einer Vorschule. Musik machte Jurado anfangs mit Dave Bazan (Pedro The Lion) in der Band Coolidge. Auf das Debüt „Water Ave S.“ folgten die gefeierten Alben „Rehearsals For Departure“ und „Ghost Of David“ beim Sub Pop Label. Zwei deutlich ruhigere Platten, die den späteren Sound Jurados prägten. Dazwischen erscheinen bis heute immer wieder EPs, die den massiven Output an geschriebenen Songs auffangen und die Wartezeit auf neue Jurado Alben, die inzwischen fast jährlich erscheinen, verkürzen. Auf einigen von ihnen befinden sich Highlights wie das kurze „How I Broke My Legs“ oder „Trampoline“.

Einen besonderen Release stellte das Album „Postcards & Audio Letters“. Hier findet man Polaroid-Bilder und Audio-Aufnahmen von Menschen, die auf Anrufbeantworter sprechen. Klingt sonderbar, ist es auch. Kleine Geschichten von Liebe und Ehedramen, die unverfälscht und ohne musikalische Begleitung auf die CD gepresst wurden. Bei mehrmaligem Hören entdeckt man immer wieder neue Details der Aufnahmen. Kleine Zwischengeräusche, neue Möglichkeiten die Geschichten zu deuten oder man läßt sich einfach von der Jurado-typischen Grundstimmung anstecken. Auf den Erfolg von „Ghost Of David folgte eine Platte mit seinem Projekt Gathered In Song mit dem Titel „I Break Chairs“. Darauf nähert er sich seinen Wurzeln (und insbesondere der Band seines langzeitigen Freundes Dave Bazan Pedro The Lion).

Als er irgendwann in einem Interview seine kommende Platte mit den Worten „It‘s going back to the styles of Ghost of David. More mellow, like Rehearsals for Departure. It‘s really a dark record. It‘s dark.“ ankündigte und auf die Nachfrage ein schlichtes „It‘s dark, trust me.“ entgegnete wurde meine Neugierde wieder geweckt. Und die dazugehörige Platte „Where Shall You Take Me“, Jurados erste für Secretly Canadian, hielt was sie versprach. Bereits der Opener ist ein düsteres Loch. Ein stummer Schrei, den Cees Noterboom wohl als gläsern bezeichnen würde. Innerhalb von 3:13 richtet Jurado beim Hören in etwa so viel Chaos und Zerstörung an wie die gesamte Vs. Album von Pearl Jam. Beim Rest verhält es sich ähnlich.

Nostalgie, Polaroids, alte Fotos, Veränderungen und immer wieder die Vergänglichkeit. Rehearsals For Departure, Where Shall You Take Me, On My Way To Absence…they’ll drink to your death with pink champagne. Gerade auf den letzten drei Studioalben nähern sich Jurados Songs vollwertigen Erzählungen, die häufig mit Raymond Carver verglichen werden. Kleine Geschichten über Eifersuchtsdramen, Abschied oder Verlust. Fernab vom Klischee bricht er in Songs wie „How Were The Chances“ die Vorstellung von Moral und spielt mit bösen und düsteren Bildern. Wo all die Tragik herkommt, fragt man sich. Das bei einem Songwriter, der mit seiner Frau und seinem Kind glücklich in seinem familiären Umfeld wohnt und laut Selbstaussage am liebsten zuhause Songs schreiben würde, die andere dann verwenden könnten und ihn damit finanzieren (eine solche Zusammenarbeit folgte vor einigen Jahren mit der Elektroband Mint Royale, mit denen Damien Jurado gemeinsam den tollen Song „Dancehall Places“ aufgenommen hat).

An sich fragt man eine solche Frage jedoch nur, wenn man sich dazu verpflichtet ein Interview mit dem Musiker zu machen. Mit der Nähe zu Musikern, deren Musik einem viel bedeutet, ist das in etwa so wir mit Frauen, die man respektiert und sich diese bis zum Sündenfall nicht nackt vorstellen möchte. Als ich mir bei dem letzten Konzert die oben erwähnte Ghost Of David CD signieren liess, kam ich mir selten dumm vor und wollte nicht mehr als Thank You sagen.

Irgendwann habe ich im vergangen Jahr Damien Jurado zu meiner Wintermusik erkoren. Einem Musiker für den persönlichen Winter. Die kalten Monate auf dem Berg sollten so überstanden werden. Letztendlich hat er mich jedoch auch darüber hinaus mehrmals pro Woche begleitet. Die Songs kenne ich natürlich inzwischen auswendig. Langweilig wird es jedoch nie. Abende auf dem Boden neben der Box
wurden zum Ritual und einer Möglichkeit die Zeit anzuhalten. Das unüberhörbare Rauschen und den Druck, der einen unabhängig vom Glück den gesamten Tag lang begleitet, zwischen 23:00 und 01:00 Uhr zu entfliehen. Das ist eine Art von Traurigkeit, die mich glücklich macht. Ein düsteres Loch. Ein Versuch dem stumpfen Alltag und dem eindimensionalen Glück zu entfliehen und mich Geistern und Erinnerungen zu stellen. Versteht kaum jemand, aber nun gut.

Momentan arbeitet Jurado an seinem kommenden Album. Hin und wieder gibt es auf seiner Myspace-Seite neue Songs in rohen Aufnahmen zu hören. Zudem wird er demnächst mit Okkervil River länger auf Tour sein.
(Sebastian Jegorow)


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