Calexico



Wüstenpop. Weiß eigentlich irgendjemand, was man sich darunter vorstellen soll? Die Begriffe „Wüste“ und „Pop“ verhalten sich zueinander in etwa wie „Death Metal“ zu Paul Simon: das passt einfach nicht.

Doch genau so tauften die Veranstalter der Konzertreihe „Sommerperlen“ in der Darmstädter Centralstation den Musikstil von Calexico. Es liegt nahe, dass sie sich vom Wort „Pop“ eine größere Zuschauerresonanz versprachen als von irgendeiner komplizierten Bezeichnung, die kaum ein Mensch kennt. Oder sie wollten mit der ungewöhnlichen Wortneuschöpfung neugierig machen. Vielleicht waren sie auch einfach nur ein wenig überfordert damit, den Stil Calexicos richtig einzuordnen. Und das wiederum ist verständlich, denn die Band um die Gründer Joey Burns und John Convertino kann sich offenbar nicht wirklich entscheiden, wo sie musikalisch hingehört.

Burns (Gitarre und Gesang) und Convertino (Schlagzeug) gründeten Calexico 1996 in Tucson, Arizona, nachdem sie bereits Anfang der 90er Jahre in der Band Giant Sand gemeinsam spielten. Dieses Duo ist der eigentliche Kern, das Fundament. Dazu kamen im Laufe der Zeit Paul Niehaus mit der Pedal Steel Gitarre und Jacob Valenzuela an der Trompete, die den Sound von Calexico nachhaltig geprägt haben. Volker Zander steht abwechselnd am Kontra- und am E-Bass und Martin Wenk verdient sich an dieser Stelle eine Sondererwähnung: denn mit Trompete, Gitarre, Vibraphon, Synthesizer und Akkordeon beherrscht er gleich eine ganze Reihe verschiedenster Instrumente virtuos. Die beiden letzt genannten Musiker kommen übrigens nicht aus dem heißen Tucson, sondern aus dem beschaulichen Kassel. Und das ist auch ein Markenzeichen: Calexico ist grenzübergreifend und multikulturell.

Schon der Name der Band impliziert den fließenden Übergang von den Vereinigten Staaten nach Mexiko (California-Mexico). Und so ist der Sound eine entsprechende Mischung aus mexikanischer Folklore, Amerikanischem Gringo-Rock, Country und allem, was sich sonst noch in der Region musikalisch darbietet. Und eben diese Vielfalt an Stilen und Einflüssen hat Calexico ein eigenes Genre beschert, den „Tucson Desert-Rock“.

Das passt – zumindest für die älteren Werke. Hört man sich zum Beispiel das rein instrumentale „El Morro“ an, fühlt man sich direkt auf die Veranda einer Ranch mitten im Nirgendwo versetzt, in gleißender Mittagshitze. „Güero Canelo“ wiederum wirft einen direkt ins Getümmel eines Volksfestes in Tijuana am späteren Abend. Und die düsteren „The Ride part II“ so wie „Gypsy’s Curse“ hätten problemlos auf den Soundtrack von „From Dusk Till Dawn“ gepasst. So entfaltet sich bei jedem Song eine neue akustische Landschaft – und das macht richtig Spaß.
Doch Calexico wäre nicht Calexico, wenn sie diesen Stil einfach statisch durchziehen würden. Ihr letztes Studio-Album „Garden Ruin“ aus dem Jahr 2006 stellt einen deutlichen Kontrast zu den vorangegangenen Werken dar. Im Vergleich zu beispielsweise „The Black Light“ (1998) oder „Feast of Wire“ (2003) kommt Garden Ruin deutlich leichtfüßiger daher: wesentlich weniger Moll (was nicht gleichzusetzen ist mit „wenig Moll“), Verzicht auf düstere Instrumentals und ein nicht zu leugnender Aufgalopp von Pop-Elementen sorgen für einen langsamen Rückzug aus der Wüste hin zum Mainstream. Das ganze paart sich mit den gewohnten Trompeten und Pedal Steel Melodien und wird zu eben jenem irritierenden Wischi-Waschi, der von den Darmstädtern zu Recht vom Desert-Rock zum Wüstenpop degradiert wurde.

Doch auf der Bühne hat sich der neue Stil (Gott sei Dank) noch nicht durchgesetzt. Beim Konzert am 11.07. in der Centralstation waren lediglich drei neue Songs vertreten und darunter mit „Roka“ auch der Song, der noch am ehesten an die älteren Sachen anknüpft.

Wenn man Joey Burns auf der Bühne sieht, mit dem biederen Haarschnitt und dem zugeknöpften Hemd, denkt man zunächst eher an einen typisch amerikanischen nine-to-five Vorstädter als an die Stimme in „Tulsa Telephone Book“. Doch der Eindruck täuscht, so unscheinbar sie auch aussehen mögen, live sind sie richtig gut. JB kommuniziert viel mit dem Publikum und man merkt schnell anhand seiner politischen Kommentare, dass man hier eben nicht den typisch amerikanischen Vorstädter vor sich hat. Die Band harmoniert und es ist eine Freude zu sehen, wie Martin Wenk in jedem Lied ein anderes Instrument spielt (manchmal wechselt er das Instrument auch in ein und demselben Lied). Ein Konzertbesuch lohnt sich, sofern das Publikum mitspielt, auf alle Fälle.

Wer Calexico bislang noch nie gehört hat und neugierig geworden ist, hat genug Auswahl um sich reinzuhören. Denn was das Produzieren angeht, gehört die Band zu den fleißigeren. Zwischen 1997 und 2006 haben sie fünf Studioalben, fünf Tour-CD’s und ebenso viele EP’s veröffentlicht, darunter auch das sehr zu empfehlende „In the Reins“ zusammen mit Iron and Wine aus dem Jahr 2005. Auch für die aktuelle Tour gibt es mit „Toolbox“ bereits eine begleitende Instrumental-CD. Als Einstieg empfehlen sich „Feast of Wire“ oder „The Black Light“. Von „Garden Ruin“ kann man in meinen Augen getrost die Finger lassen.

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