Ai Phoenix – The Light Shines Almost All The Way


Ai Phoenix

Manchmal möchte ich meine gesamte Plattensammlung aus dem Fenster werfen. Einfach so. Von vorne anfangen. Toll wäre das. Doch dann fallen mir immer wieder Alben ein, die ich behalten müßte, bis ich am Ende doch wieder vor überfüllten Regalen stehe. Und eben bei diesem behaltebehaltebehalten-Gedanken sind Ai Phoenix stets ganz vorne mit dabei. Sie müßen bleiben. Für immer. Schlaflose Nächte gerettet, Herzen geflickt, auf langen Zugfahrten begleitet, Funken entzündet und nie langweilig geworden. Das können sie alles, die drei Norweger.

Auch pausieren. Viel zu lange. Drei Jahre bis zur neuen Homepage und dem neuen Album The Light Shines Almose All The Way. Und der Blick auf das Cover deutet Veränderungen an. Geheimnisvoll wirkt es. Doch musikalisch hat sich glücklicherweise nichts verändert. Das ungewöhnliche Cover passt besser zur Musik der drei Norweger. Noch immer vermischen sie Country, Rock und Folk auf ihre eigene Art und sind düster, sanft, eigenwillig und so Glitterhouse wie man es nur sein kann. Das ist die Liebe. Die Poesie vor dem Sex. Und wenn du genau hinhörst ist es auch der Sex. Absolut.

Bei Broken Bones zum Beispiel. Der halben Instrumental-Nummer, die sich nach der ersten Strophe in Extase tanzt. Wie eine Verliebte tanzt sie für sich knapp 3 Minuten lang durch die Nacht. Dir kommt es natürlich viel länger vor. Und dann verschwindet sie leise. Hier ist es doch besser sanft zu erlischen als auszubrennen. Daraufhin folgt ein gemächliches Seemannslied oder etwas in der Art. Hier kann man sich das Trio vorstellen. Nachts auf einem kleinen Schiff mit einem kleinen Matrosenchor im Hintergrund. Mona mit ihrer sonderbaren Antenne auf dem Kopf und dem Champagnerglas in der Hand. Noch immer ist sie da, die Seemannsromantik des Vorgängers.

Allen voran geht stets der Gesag. Mehr gehaucht geflüstert als gesungen entsteht zwischen den gegensetzlichen Stimmen von Mona und Patrick ein luftleerer Raum ohne den ganzen bunten Dreck und ohne das ständige Hintergrund-Rauschen dieser Tage. Eine wunderschöne Harmonie der Disharmonie. Dein Leben legen sie an diesen warmen Platz dazwischen und streicheln es mit der Instrumentalisierung. Somewhere nice and all. Und du stehst dabei, schaust dir das Schauspiel an, staunst, begutachtest das Ergebnis von allen Seiten und entdeckst die Schönheit immer wieder auf´s neue. So ist es. Das sage ich dir.

Auf The Light Shines Almost All The Way gehen Ai Phoenix noch subtiler vor als sonst. Verzichten auf jegliche Effekthascherei. Bei She Eats Stones halten sie sich kurz und dämpfen die Tragik, die viele sonst ausbeuten würden. „She eats stones when she’s cold“. Diese Art von Schönheit in ihrer vollen Pracht zu erfassen braucht schon einige Durchgänge. Zu viele Details und versteckte Schnörkel stecken hier drin. Zunächst ist da nur das Gefallen an den sanften Melodiebögen und der üblich düsteren Atmosphäre der Platte, die insbesondere bei He Kisses The Streets I Walk ihre volle Pracht entfaltet. Und dann wächst The Light Shines Almost All The Way wie eine mathematische Kurve. Nähert sich der Perfektion. Sie streckt und reckt sich. Überrascht immer wieder. Im Gegensatz zu den beiden Vorgänger-Alben Letter One und Lean That Way Forever gelingt Ai Phoenix hier nicht ganz das Kunststück die perfekte Platte hinzuzaubern. Es ist eher ein unfassbar schönes Album wie The Driver Is Dead. Und sie sind an dieser Perfektion so nah dran wie kaum eine andere Band es sein kann. Gott, so verdammt nah dran.

[youtube jAKdB6vFKl0]

(Sebastian Jegorow)


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0 Gedanken zu “Ai Phoenix – The Light Shines Almost All The Way

  • Christian

    Hallo, Sebastian!

    Ich hatte das Glück, vor wenigen Wochen Ai Phoenix zu entdecken. Und ich möchte Dir einfach nur sagen, daß es mich freut, jemanden zu finden, der beim Hören von „The light shines almost all the way“ genauso empfindet wie ich. Meine Favoriten sind übrigens „He kisses…“, „I´m barely trying“ (insbesondere der Instrumentalteil am Ende), „She eats stones“, „Like we know“ und „Broken bones“. Meine Tochter Anna (4) sagte gestern, sie wolle „You and I“ hören und hat beim Refrain mitgesungen. By the way: Hast Du eine Idee? – Es dauert noch etwas, bis ich mir wieder CD´s leisten kann. Dann werde ich mir auf jeden Fall alle vier Ai-Phoenix-CDs bei „Glitterhouse“ bestellen. Siehst Du eine Möglichkeit für mich, die ersten drei Alben als mp3-Alben zu bekommen? Blogspot- und Google-Suche waren bisher leider erfolglos. Danke – auch für Deinen Tip bezüglich „Billie The Vision & The Dancers“ – schöner erster Eindruck.

    Take care & good luck, Christian