Tim Gardner



Die National Gallery ist eines der typischen Touristenziele Londons. In den riesigen Sälen der gigantischen Sammlung findet man einen hoch geschätzten Querschnitt der gesamten Kunstgeschichte. Dazwischen hetzt eine Schar Touristen mit Virgin-Plastiktüten zwischen Kunstliebhabern. Vielleicht liegt es an London oder vielleicht einfach nur an der Flut an visuellen Eindrücken und dem Stimmgewirr der zahlreichen Besucher. Nach etwa zwei Stunden National Gallery bekommt man Kopfschmerzen.

Fast schon wie eine idyllische Insel wirkt da der kleine Raum, in dem die temporären Ausstellungen präsentiert werden. Anfang 2007 waren es die New Works des kanadischen Newcomers Tim Gardner. Dieser überträgt scheinbar banale Fotos von Freunden und Bekannten auf die Leinwand. Dabei arbeitet Gardner mit Wasserfarben und Pastelfarben. Die Motive sind meist Menschen und die Natur. Immer wieder streift er das urbane Leben und verleiht der Kunst etwas allgegenwärtiges.

Gardner wurde 1973 in Iowa geboren. Er lebt seit seiner Jugend jedoch in Kanada und studierte zunächst Kunst an der Universität in Manitoba und später ebenfalls an der Columbia University in New York. Bei seiner ersten Solo-Exhibition in der 303 Gallery in Chelsea, gelang es ihm alle 35 Bilder zu verkaufen. Aktuell wohnt Gardner in British Columbia. Nach seinen Erfolgen in Amerika wurde er im Herbst 2005 von der großen National Gallery in London eingeladen und verbrachte drei Monate in der Gallerie. Er studierte die Werke und malte während dieser Zeit auch selbst. Dabei sind 20 neue Werke entstanden, die bis zum April 2007 in der National Gallery ausgestellt waren und in dem Buch New Works versammelt sind.

Eine große Rolle bei den Gemälden spielt häufig das Verhältnis des Menschen zur Natur. Dies verleitete Christopher Riopelle, den Direktor der National Gallery, dazu einige Arbeiten von Gardner mit dem Wanderer über dem Nebelmeer Gemälde von Casper David Friedrich zu vergleichen und in einem Essay über Tim Gardner zu kommentieren, dass die Werke Gardners immer wieder auf das gestörte Verhältnis des Menschen zur Natur hindeuten. So sei es nach den Jahrzenten der Modifikationen und der Werbung fast schon unmöglich geworden der echten Natur zu begegnen.

Desweiteren ist (insbesondere bei den früheren Bildern des Künstlers) das Leben der Jugendlichen ein zentrales Motiv der Bilder. Konkreter geht es dabei um das Feiern oder das allgemeine Alltagsleben. Immer wieder bemerkenswert ist dabei Gardners Detailtreue und der Fotorealismus der Bilder. So verwechselt der unerfahrene Betrachter die Bilder, insbesondere aus der Ferne, mit simplen Schnappschüssen. Erst bei näherem Hinsehen wird deutlisch, dass es sich bei den Bildern um keine Fotos handelt. Dadurch kommt es zu einem Bild, das rein objektiv ist wie das ursprüngliche Foto. Immer präsent ist natürlich ebenfalls das Geheimnis um die Geschichte, die hinter dem vermeindlichen Schnappschuss steckt.
Den Interessierten sei an dieser Stelle der Katalog zur New Works Ausstellung empfohlen, in dem sich Christopher Riopelle ergänzend in einem ausführlichen Essay mit dem Werk und der Wirkung Gardners auseinandersetzt.
(Sebastian Jegorow)

Hier findet man einen weiteren Artikel über Gardner mit Bildern des Künstlers.

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