Leolo



Als der kanadische Regisseur Jean-Claude Lauzon einst nach seiner sexuellen Orientierung gefragt wurde, antwortete er: „When I have a hard on i´ll fuck anything. Even a telephone pole. I´d fuck a beaver“. Als er das Angebot bekam einen Film mit Gene Hackman zu drehen, sagte er „I don´t want to make a little piece of shit to be able to make a big pile of shit“. Jean-Claude Lauzon war die Verkörperung des verrückten Genies und des Enfant Terrible, das immer wieder polarisiert.

In seinem zweiten Film Leolo geht es um den jungen Léo Lauzon, der in einem Armenviertel in Montreal aufwächst. Im Zentrum steht seine Art mit dem Leben umzugehen. Während er in der Realität in einem Umfeld voller Wahnsinn und Tristesse aufwachsen muss, flieht er immer mehr in eine Scheinwelt und entwickelt sich zum Poeten. Realität und Phantasie vermischen sich. Selten wurde der Zuschauer in einem Film mit solch sonderbaren Figuren konfrontiert wie im Falle von Leolo. Sie alle werden bis auf ihre kranke Seele entblößt und offenbaren dadurch, trotz ihrer teils widerlichen Art, etwas liebevolles und zerbrechliches. Der Bruder, der sich nach einer gebrochenen Nase aus Angst wie besessen in einen Muskelprotz herantrainiert und auch danach sensibel und ängstlich bleibt, der Vater, der wie die Verkörperung des leblosen Toten wortlos durch seinen Alltag gleitet und nur dann in sich aufgeht, wenn er seiner Manie nachgeht und den Stuhlgang der gesamten Familie überwacht. Und schließlich die übergewichtige Randfigur: Leolos geisteskranke Schwester, Königin Rita, die unter dem Haus auf die Insekten aufpasst.

Diesem geisteskranken Umfeld entgegnet der Junge mit der Flucht in eine Phantasiewelt. Dies fängt bereits mit der Vorstellung seiner Zeugung an, derzufolge seine Mutter von einer Tomate befruchtet wurde, gegen die zuvor ein frustrierter Italiener onaniert hat. Umso verstörender ist die Tatsache, dass Leolo autobiographisch ist. Lauzon wuchs in einer Familie auf, in der Geisteskrankheit fast alle befiel. Auch er fand in der Literatur und Poesie einen Fluchtpunkt und mt Andre Petrowski, den er im Film als den Dompteur der Worte bezeichnet, einen Unterstützer.. Unterlegt wird die gewaltige Bilderflut von den poetischen Kommentaren und Gedanken des kleinen Leolo und musikalisch unter anderem von Tom Waits. Wer könnte diese Tristesse und den ausdrucksstarken Amoklauf der Bilder auch besser musikalisch untermalten?

Bei genauer Betrachtung des Films findet man einige kleine und große Anspielungen auf den kleinen Prinzen von Antoine de Saint-Exupéry, der ein genauso begeisterter Pilot war wie Lauzon.Beispielsweise wäre da die Geschichte des Bruders, der bei der Aufgabe etwas zu malen nach einer Stunde ein weisses Blatt abgibt und darauf besteht einen weissen Hasen im Schnee gemalt zu haben. Vermutlich war er sich der Parallelen bewusst. Jean-Claude Lauzon starb ebenso wie Antoine de Saint-Exupéry viel zu jung bei einem Flugzeugabsturz und hinterliess einen kleinen künstlerischen Nachlass, der bis heute nachwirkt.
Mit Leolo erschuf er ein groteskes Meisterwerk, das zwischen Poesie und Perversion immer wieder ein Zuhause findet. In jeder einzelnen Szene verstört, amüsiert und berührt Leolo zutiefst. Nur kalt läßt er niemanden zurück.
(Sebastian Jegorow)

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