Stereo Total – Party Anticonformiste



Es ist ja nicht so, als wenn Herr J. besonders oft mies gelaunt wäre. Er mag übertrieben bunte Dinge aber nun mal gar nicht. Er ist immer völlig genervt, wenn etwas unnötig schrill ist, ihn wie blöde anstrahlt oder zu viel von dieser beschissenen Rosa-Farbe beinhaltet. An sich müßte er dann Stereo Total ja wie die Pest hassen, aber nein. Im Falle von Françoise Cactus und Brezel Göring macht er eine große Ausnahme. „Das ist der Soundtrack, den man sich auf versifften WG-Parties wünscht“ sagte er, als er zuletzt auf einer versifften WG-Party war.

Seit unzähligen Jahren vereinigt das Duo Stereo Total bereits all die Dinge, die so gar nicht zusammengehören wollen. Nostalgie trifft auf Zukunft, Chansons auf Garage auf Kindermelodien auf Elektrobeats. Es gibt keine Musiknische, an der das Stereo Total-Bambi nicht schon heimlich vorbeigehüpft wäre. Nun ist es an der Zeit für eine Retrospektive der fünf Alben, die die Band bei Bungalow Records veröffentlicht hat. Was Herr J. beim ersten Blick auf die Tracklist vermisst? Beautycase! Wo zum Teufel ist Beautycase geblieben? Die Antwort liefern Brezel und Francoise im Promo-Zettel. Das Duo hat die Best Of nicht chronologisch, sondern nach Stilrichtungen aufgeteilt. So bekommt man jeweils sechs Songs aus den Bereichen Chanson, New Wave-Kinderzimmer-Elektro, Rock’N’Roll-Garage und Disco. Da musste dann eben scheinbar der ein oder andere Song weichen. Nun gut, grummelt Herr J., wirft die CD in seinen CD-Player (Herr J. hat tatsächlich noch einen CD-Player, denn er findet iPods ganz ganz schrecklich) und weiß bereits bei der neuen Version von Schön von hinten, einem der tollsten Abschiedslieder aller Zeiten, warum er Stereo Total so gern hat. Ähnlich wie bei Beck, sind hier keine Blender am Werk, sondern verspielte Künstler mit viel Gespür für Pop, die sich nehmen, was sie brauchen: Elektroklänge, Gitarren, eigene Ideen, fremde Melodien, englische Parolen, französische Texte, deutsche Zitate, Lo-Fi, Hi-Fi… Das hat Charme und wirkt trotzdem dahingerotzt, sagt Herr J., und wippt strahlend mit dem Fuss.

Und dann begegnet er wieder all den Lieblingen seiner Vergangenheit. Supergirl, Ach ach Liebling, die zauberhafte Hommage an OH OH Chérie von Françoise Hardy, I love you Ono, Liebe zu dritt und das stets unnötige, jedoch grandiose Wir tanzen im Viereck. Kein einziges Staubkorn findet man da, alles ist so frisch wie vor etwa zehn Jahren. Und dann ist da noch Für immer 16, von dem es laut Bandaussage sogar eine türkische Version gibt! Da freut sich Herr J., rockt sich durch den Tag und wischt sich eine Träne aus dem linken Auge, weil das so verflucht schön und schon so lange her ist. Ach ach, Herr J. ist glücklich. Beim Hören seiner Lüblüngsstücke muss er nun nicht mehr die CDs wechseln.
[Sebastian Jegorow]

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