Tony Kushner – Angels In America


Es gibt leichtere Unternehmungen, als ein kompliziertes, episches Theaterstück über Leben, Hoffnung und Fortschritt zu einem Film oder einem Fernsehmehrteiler zu transformieren. Robert Altman scheiterte in den 90er Jahren mit seiner Idee Tony Kushners Angels In America für die „große Leinwand“ zu adaptieren.

Der Stoff. für den Kushner 1993 den Pulitzer Preis erhielt, erwies sich als zu sperrig und die Umsetzung als schier unmöglich. Unter der Regie von Mike Nichols, der Mitarbeit von Tony Kushner und u.a. mit Meryl Streep, Emma Thompson und Al Pacino in den Hauptrollen entstand 2003 eine hochgelobte Fernsehversion für den US-Privatsender HBO. Die „kleine Leinwand“ bot diesem Projekt mehr Möglichkeiten als ihre große Schwester.

Ein Theaterstück wird zum Fernsehmehrteiler Das Stück Angels In America unterteilt sich in „Millenium Approaches“ und „Perestroika“. Teil eins und Teil zwei, die der 1956 geborne Tony Kushner in den 80er Jahren verfasste. Kushner legt die Handlung auf epischer Breite an, verbindet Tragödie und Komödie, Politik und Magie, Personen des Zeitgeschehens und frei erfundene, Engel und Menschen. Vor allem bei der Bühnenumsetzung seines Stückes kommt diese Magie zum Tragen und der Zuschauer muss sich auf sie einlassen um den Kern von Kushners Aussage mitzunehmen. Engel schweben über die Bühne, Geister erscheinen, Traumsequenzen verschwimmen mit der Realität.

Angels In America

Neben der aufwühlenden Handlung faszinierte die Zuschauer seit der Uraufführung
des Stückes speziell dessen schauspielerische und bühnenbildnerische Umsetzungen die zum Bestandteil der Aussage werden. Der Versuch Angels In America unter der Regie von Robert Altman für das Kino zu verfilmen scheiterte in den 90er Jahren bereits an den Möglichkeiten. Die Dichte und Länge von Kushners Stück lässt, wenn man dem Stoff gerecht werden will, keine großen Kürzungen zu, soviel stand schnell fest. Mindestens vier bis fünf Stunden würde die Länge des Films betragen, ein zu weiter Rahmen für einen Kinofilm und immer noch zu eng für Tony Kushner und seine Umsetzungspläne. Ein paar Jahre später entsteht die Idee Angels In America nicht für die größe, sondern für die kleine Leinwand zu verfilmen. Zusammen mit dem Regisseur Mike Nichols begibt sich Kushner ans Werk, um sein Theaterstück für den US-amerikanischen Privatsender HBO (Home Box Office) als sogenannte „Mini-Series“ zu adaptieren. Für die Verfilmung gewinnt man Stars wie Al Pacino oder Meryl Streep und 2003 läuft die sechsteilige Serie dann sehr erfolgreich auf dem amerikanischen Sender. Das Ergebnis ist eher ein sechsstündiger Film, unterteilt in ein halbes dutzend Folgen, als eine Fernsehserie. In Deutschland sicherte sich die ARD die Rechte und hierzulande wurde die Serie 2005 ausgestrahlt. Leider ging sie, wohl auch auf Grund der nicht ganz optimalen Sendezeiten, ein wenig unter.

Angels In America
Angels In America spielt im Amerika der 80er Jahre. Ronald Reagan ist Präsident, Amerika gespalten und eine neue, tödliche Krankheit breitet sich aus, AIDS. In diesem Klima bewegen sich Kushners Hauptfiguren, acht an der Zahl. Über die Dauer des Buches spinnt Kushner Fäden, die zu Konflikten und Querverbindungen seiner Figuren werden. Eine Art Hauptfigur ist Prior Walter (gespielt von Justin Kirk). Prior stammt aus einer angesehen Familie, er ist jung, er ist schwul und er hat AIDS. Seine Beziehung zu Louis (gespielt von Ben Shenkman) scheint daran zu scheitern.

Prior sucht Geborgenheit und Halt, aber Louis ist mit Priors Krankheit und der Vorstellung sich selbstlos um diesen zu kümmern überfordert und kehrt sich von ihm ab. Louis beginnt eine Affäre mit dem verheirateten Joe (gespielt von Patrick Wilson). Joe ist ein Protege von Roy Cohn (gespielt von Al Pacino). Cohn, eine Person des Zeitgeschehens, ist ein sogenannter „Closet-Homosexual“. Er bewegt sich in den Kreisen der Reichen und Mächtigen. Einst vom selbsternannten Kommunistenjäger und US-Senator McCarthy gefördert, steht Roy Cohn für die amerikanische Doppelmoral. Cohn hat enge Verbindungen ins Weisse Haus, er ist eine regelrechte Ikone des Konservatismus in Amerika. Und er hat AIDS. Als sein
Arzt (gespielt von James Cromwell) ihm dies durch die Blume eröffnet, droht Cohn diesem, ein Roy Cohn ist nicht schwul und ein Roy Cohn hat kein AIDS. Ein Roy Cohn schläft ab und zu mit Männern und hat Leberkrebs.

Mit dieser erfundenen Krankheit wird Cohn ins Krankenhaus eingeliefert und beginnt sich seinen Dämonen zu stellen und mit ihnen konfrontiert zu werden. Allen voran Ethel Rosenberg (gespielt von Meryl Streep) ebenfalls eine „reale“ Person. Ihr Geist erscheint Cohn und er wird mit der Person konfrontiert für deren Hinrichtung er im Zuge der „McCarthy-Hearings“ mitverantwortlich war. Kushner zeichnet Cohn unendlich böse, repräsentiert mit ihm einen wichtigen Teil der damaligen US-Gesellschaft und schafft es am Ende trotzdem den Leser erzählerisch zu überraschen. Roy Cohns Ideal ist die Macht, dafür verleugnet er sich selbst und geht letztendlich sehenden Auges daran zugrunde.

Prior kämpft sich im Lauf von Angels In America durch seine teuflische, unheilbare Krankheit, persönliche Rückschläge und Erscheinungen. Ihm erscheinen Geister, er träumt von Personen von denen er nie gehört oder sie getroffen hat, die jedoch trotzdem, wie der Leser weiß, mit seinem Leben verknüpft sind. Nicht genug, Prior erscheint ein Engel (gespielt vom Emma Thompson) und als er kurzzeitig in den Himmel aufsteigt, sogar eine ganze Tafelrunde von Engeln. Vor diesen Engeln weigert er sich der Retter einer gottverlassenen Wlt zu sein, Prior will leben, nicht mehr und nicht weniger. Visionen und Erscheinungen von Engeln spiegeln Priors wirkliches Leben wieder, Engel gibt es nicht nur im Himmel, sondern auch in Amerika bzw. in Prior Walters Leben. Kushners Theaterstück entlarvt, es polarisiert und manch einem wird es mit all den Engeln und komisch anmutenden Szenen ab und an zu absurd werden. So absurd manche Szenen dem Leser oder dem Zuschauer aber auch erscheinen mögen, das wirkliche Leben ist oft noch absurder. Auch in eine von Gott verlassenen Welt setzt Kushner Engel, es spiegelt die Hoffnung des Autors und seiner Figuren auf eine bessere Welt wieder. Es geht um Leben, um das (weiter) miteinander Leben. Man muss nicht an Gott glauben um Engel zu sehen.

Angels In America

Buch/Film
Fast bei jedem Buch das später verfilmt wurde empfiehlt man zuerst den Text zu lesen und dann erst den Film zu sehen. Auch bei Angels In America ist das so. Aus guten Gründen. Wie Tony Kushner die Welt in der sein Stück spielt im Buch beschreibt, die Dialoge der Figuren, die Symbolkraft diverser Szenen, dass sind die Stärken des Textes. Umso weiter man liest umso mehr festigt sich die Vorstellung des Engels, Priors Leiden oder der Person von Roy Cohn. Während der Lektüre stellt man sich eventuell die Frage, wie kann man diesen Stoff verfilmen? Man entwirft geistige Schablonen des Engels oder fragt sich zusammen mit Prior, was ist das, dass ich hier gerade erlebe/lese? Es fällt einem leichter eine surreale Szene in die
Handlung einzugliedern wenn man sie liest, als wenn man sie filmisch dargeboten bekommt. So gut die Szene auch gefilmt ist, sie kann durch diverse Effekte dazu führen vom Wesentlichen abzulenken.

Wenn man dieses Wesentliche von der Lektüre bereits kennt, weiß man auf was es sich zu konzentrieren gilt und man ist gespannt wie der Regisseur Mike Nichols und die Schauspieler bestimmte Szene umsetzen. Sicherlich lohnt auch nur ein Lesen des Buches oder nur ein Sehen des Films, erst im Zusammenspiel der beiden Präsentationen des Stoffes entwickelt sich jedoch eine weitere Verständnisebene.
Angels In America ist ein Theaterstück. Nichols schafft es diese Tatsache auf die Leinwand hinüber zu retten. Das Drehbuch wurde von Kushner selbst adaptiert, Ausstattung, Effekte und Bildsprache passen zum Text. Wie auch bei Theateraufführungen von Angels In America verkörpern im Film diverse Schauspieler mehrere Rollen. Fünf der Acht Hauptakteure spielen weitere Nebenrollen. Im Theater sicher ein Mittel um das Ensemble nicht ins Unendliche wachsen zu lassen. Aber der Grund liegt sicherlich tiefer und Kushner hat sich bei der Auswahl etwas gedacht. Wenn Emma Thompson – die eigentlich den amerikanischen Engel spielt – zum Beispiel auf einmal als übergeschnappte Obdachlose an einer Straßenecke erscheint, oder Priors fürsorgliche Krankenschwester mimt, will uns der Autor damit etwas zeigen.

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