The Shins – Wincing The Night Away


The Shins - Wincing The Night Away

Mitfahrgelegenheiten sind schon so eine schwierige Sache. Man trifft auf alle möglichen Gestalten, und wenn man Pech hat, dann auf solche, deren ganze Lebensgeschichten vor Dingen nur so wuchern, die man eigentlich nie hätte erfahren wollen. Was natürlich keinen daran hindert, sie einem die ganze Fahrt über aufs Auge zu drücken, bis man endlich an dem Punkt angelangt ist, wo man anfangen kann, über Politik oder Musik zu reden.

Letzteres Thema ist natürlich friedvoller und nicht so konfliktschwanger, weswegen ich dem linksliberalen Galvanisierer, der mich vor einiger Zeit von Berlin nach Freiburg chauffierte, auf die Frage, was ich denn so höre, er fände ja alten Punkrock „so richtig geil“, das nee Album der Shins, Wincing The Night Away, in den CD-Wechsler schob. Mehrere dialogische Halbsätze später war klar: Aus Angst vor zu wenig Verzerrung fand er
es langweilie.

Ich sage: Horizonterweiterung muss man natürlich auch selbst wollen. Langweilig sind Bad Religion. So! Damit das auch mal jemand ausgesprochen hat. Die Shins hingegen sind bezaubernd. Sie sind eine der wenigen Bands, die eine enorme Energie besitzen, diese aber nur ganz schwer hörbar machen, nämlich nur dann, wenn man sie alleine, oder zumindest in einem Konsens der Anerkennung in der Gruppe genießt. Es scheint unmöglich, jemanden auf den ersten Blick damit vom Stuhl zu hauen, wo man ja selbst Wochen brauchte, um die Begeisterung dafür aufzubringen, die man heutzutage weitergeben will.

Wie ist sie geworden, die Neue? Mehr HiFi als LoFi im Vergleich zu früher. Weniger Rock und mehr Pop. So klingen die Shins bei Sea Legs bisweilen sogar wie eine warme, weniger öde Version der Sneaker Pimps. Aber Shins sind immer noch Shins, und besser denn je. Die Detailverliebtheit ist es, die Songs wie Sleeping Lessons, den fulminanten Opener, oder die Single Phantom Limb so liebenswert macht; Sänger James Mercer allerdings macht sie unsterblich mit seinen Texten, die so subtil tieftraurig sind, dass man das meist nur an der Melodie erkennt. Zum-Steine-Meißeln ist es, wenn er in Turn On Me mit dem Satz „If you’d only seen yourself hating me when I’ve been so much more than fair.“ das tut, was so mancher nach einer schmerzhaften Trennung tun sollte: Er wendet sich ab von der alten Hure Selbstmitleid und ist, zumindest in gewissem Sinne, zufrieden mit sich.

Der Clou ist, dass die textliche Schwere in ihrem Unpathetischen nicht allein ist, sondern dass die Musik da mitzieht. Entweder ist sie nämlich beschwingt (Australia), oder tieftraurig, aber niemals hat sie diesen ekelhaften Streicher- Klangteppich-Kitsch an sich, der so manch anderes ernstgemeintes Stück Trauerarbeit höchstens zu einem Liebesfilm-Soundtrack hat werden lassen. Und wer jetzt Garden State schreit, bekommt Kopfschütteln zurück. Jeder weiß, was für einen Typ Schnulze ich meine. Garden State bemüht sich im Übrigen auch recht erfolgreich, weitgehend vom Kitsch abzulassen.

Der stärkste Song auf der Platte, A Comet Appears, ist gleichzeitig das letzte Lied der CD. Mercer beklagt hier möglicherweise die Insignifikanz des Lebens eines Einzelnen für das Universum, besonders desjenigen derer, die zumindest ein Stückweit davon alleine fristen müssen. Er vergleicht Gewichtseinheiten mit Bedeutung, die den Betreffenden an einem umherfliegenden Kometen festhalten könnte, und sagt, kaum selbstgerecht, aber ein wenig bitter: „Take a drink just to give me some weight.“ Auch hier kein Pathos, lediglich eine akustische Gitarre mehr untermalt den Refrain, und zwar besser, als das ein Cello-Quartett jemals könnte: nämlich so traurig, dass es fast weh tut, aber weil es so unfassbar gut ist, hört man es trotzdem weiter. Um ein älteres Lied der Band zu zitieren: „When they’re parking their cars on your chest, you still got a view of the summer sky.“ Leute, die bessere Zukunftsvisionen kriegen als ich, können sicher mit Fug und Recht behaupten, dies sei die Platte des neuen Jahres 2007. Ich täte ihnen blind folgen. (Markus Steidl)

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