Mark Haddon – Supergute Tage…


Wenn ein Autor plötzlich für sein neues Werk in jedem Buchladen einen eigenen Tisch freigeräumt bekommt und seine Meinung die Klappentexte von anderen Neuerscheinungen ziert, dann hat dieser Autor sicher kürzlich einen echten Hit verfasst und wahrscheinlich den ein oder anderen Preis dafür gewonnen. So war es mit Nick Hornby noch High Fidelity, mit Sven Regener nach Herr Lehmann und so ist es auch mit Mark Haddon und The curious incident of the dog in the night-time.

Und wirklich, es ist ein kleines Meisterwerk, das man nicht übersehen haben sollte. Es ist geschrieben aus der Sicht des 15jährigen Jungen Christopher, der aufgrund seiner autistischen Veranlagung zwar sehr gut in Mathe und Physik ist, jedes Land der Welt, inklusive der Hauptstadt, kennt und ein sehr gutes Erinnerungsvermögen hat, aber nicht fähig ist, menschliche Emotionen zu verstehen. Dieser Junge findet eines Tages den Hund der Nachbarin getötet vor und beschließt, diesen „Kriminalfall“ aufzuklären und darüber dieses Buch zu schreiben, das er in kleine Kapitel eingeteilt hat. Die ersten fünf Kapitel sind jedoch nicht die Kapitel 1,2,3,4,5 usw. sondern die Kapitel 2,3,5,7,11 – denn Christopher mag Primzahlen. Es sind diese Details, die das Buch nicht nur interessant, sondern höchst originell und zu Teilen sehr amüsant machen.

Man sollte jedoch nicht glauben, dass es sich hier um ein ausschließlich lustiges Buch handelt. Die Gedankengänge Christophers sind nämlich keineswegs zu jeder Zeit erheiternd oder leicht zu verdauen. So offenbart der Junge in einem der stärksten Momente des Buches, dass es einer seiner schönsten Träume ist, sich vorzustellen, dass alle Menschen auf der Welt außer ihm tot wären (inkl. seiner Eltern). Dann würde ihn niemand mehr etwas fragen und es wäre nicht alles voller Menschen – denn Christopher hasst Menschenmengen. Sein autistisch bedinger und oft schockierend bedingungsloser Egoismus ist ein ebenso prägendes Element wie seine Ausführungen über mathematische Probleme und auf puren Fakten basierenden Schlussfolgerungen. Hier hebt sich das Buch über so viele andere Darstellungen von autistischen Personen hinweg, die oftmals nur ein lauwarmer Wiederkäu von dem sind, was Dustin Hoffman uns bereits in Rain Man offenbart hat.
Es ist ironisch genug: Das Buch, das aus der Sicht eines Jungen geschrieben ist, der nicht fähig ist, Emotionen wahrzunehmen, ist in höchsten Maße emotional. Es belustigt, belehrt und schockiert den Leser gleichermaßen.

Es ist offensichtlich, dass Mark Haddon, obwohl er viele Jahre mit autistischen Kindern gearbeitet hat, mit seinem Buch nicht den Anspruch stellt, ein autistisches Profil psychologisch möglichst genau zeichnen zu wollen. Dennoch versteht man nach den 221 Seiten die Welt eines autistischen Jungen. Mann begreift, wie er denkt, wie er fühlt. Und ein größeres Kompliment kann man Haddon nicht geben. Dieses Buch erinnert eindrucksvoll daran, dass das Leben nicht durch die Aufaddierung von Fakten beschrieben werden kann. Uneingeschränkt empfehlenswert.

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