9 Lives



Vorsicht: Bei dem hier vorgestellten Film handelt es sich nicht um das absurd miese Nine Lives mit Paris Hilton, sondern um einen wundervollen Film von Rodrigo Garcia (Things You Can Tell By Looking At Her), der hoffentlich demnächst nicht nur als Import-DVD hier erhältlich sein wird. Der Regisseur machte bereits mit einigen Folgen von Kultserien wie Six Feet Under auf sich aufmerksam. Im Falle von 9 Lives bleibt er beim Episodenhaften und erschafft so etwas wie eine audiovisuelle Kurzgeschichtensammlung, die sich inhaltlich mit neun Frauenleben beschäftigt. Im Gegensatz zu seinem Freund Alejandro González Iñárritu (Amores Perros, 21 Grams, Babel), schweben diese scheinbar lose in der Luft.

Wie Ausschnitte aus vollständigen Filmen, werden die einzelnen Schicksale wie kleiner Teaser uns präsentiert. Nach einer kurzen Einblendung des Namens wird der Zuschauer mitten in die Handlung geworfen und soll sich in kurzer Zeit selbst herantasten. Und langsam fügt sich tatsächlich mal um mal das Bild. Aus der wildfremden Schwangeren, die im zweiten Film einen Einkaufswagen vor sich her schiebt, wird innerhalb von Minuten Diana, die auf ihren ehemaligen Freund trifft und von der Vergangenheit eingeholt wird.

Und gerade in dem Moment, in dem man der Geschichte völlig verfallen ist, kommt der rasche Fade Out und ein Übergang zur nächsten zentralen Figur. Dabei versucht der Zuschauer immernoch die kleinen Funken der Vorgeschichte zu verarbeiten und spult denkwürdige Zitate wie „You’ve just always been this fucking thing that swallows me“ wieder und wieder im Kopf zurück. Eine besondere Wirkung hinterläßt die außergewöhnliche Kameraarbeit. Jede einzelne der neun Geschichten, die etwa zehn Minuten dauern, wird in einer einzelnen Steadicam-Aufnahme festgehalten. Kein Schnitt unterbricht die Szenen. Lange Kamerafahrten verfolgen Samantha durch ihr Elternhaus, zwischen ihrem Vater im Rollstuhl und ihrer Mutter, Maggie beim Picknick mit ihrer Tochter auf dem Friedhof oder die Gefängnisinsassin Sandra durch die Gänge der Anstalt. Wer genau hinschaut, entdeckt Parallelen, Zusammenhänge und immer wieder dieses leise Knistern. 9 Lives ist ein kleines Filmexperiment, das aufgrund der glänzenden Schauspieler und der interessant inszinierten Geschichten auf voller Linie gelungen ist, den Zuschauer auf leisen Sohlen fesselt und im Nachhinein noch lange Zeit in den Gedanken haften bleibt.
[Sebastian Jegorow]

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