Ryan Adams – 29



Wäre Ryan Adams nicht so ein liebenswerter Nerd, dann könnte man ihn mit diesen Kindern in den ersten Reihen unserer Schulklassen vergleichen, die jede Woche nicht nur die Hausaufgaben gemacht haben, sondern auch die gesamte folgende Lektion auswendig lernten und dem Lehrer dazu noch mit einem Essay über die politische Lage in Burundi auf den Senkel gingen. Nun gut, wenn es mehr Schüler dieser Art gäbe, dann würden sich Diskussionen über den Bildungsstand des Landes erübrigen. Darum soll es jedoch an dieser Stelle nicht wirklich gehen.

Drei Alben (eines davon auf zwei CDs verteilt) innerhalb eines Jahres. Die Vorfreude beim Blick auf den Veröffentlichungs-Plan war diesmal nicht mehr ganz so groß und auch viel schreiben kann man einfach nicht mehr über die häufigen Veröffentlichungen des Ryan Adams, die selbst John Frusciantes aktivster Phase Konkurrenz machen. Auch der Handzettel der Plattenfirma, der im Falle des Vorgängers noch über zwei Seiten lang war, beschränkt sich diesmal auf ein paar Zeilen. An sich wurde alles bereits gesagt: Ryan Adams ist einer der talentiertesten Songwriter der Gegenwart und seine Songs vermehren sich wie Karnickel. Doch irgendwo geht es hierbei ja um Musik, und gute Musik setzt sich — zumindest den guten Hörer und einen Nerv für die Musik vorausgesetzt — durch.

Auch im Falle von 29 gibt es wieder leise Unterschiede zu den beiden Vorgängern. Diesmal herrscht musikalisch über weite Strecken die große Einsamkeit des Einsamen. Hin und wieder gibt es ein lautes Aufflammen einer Hintergrundband, wie bei dem Flamenco-Rocker The Sadness oder dem bluesigen Titeltrack. Meist zieht sich Adams jedoch wie ein verwundeter in einen Raum zurück, in dem nur er und die Gitarre (beziehungsweise das Piano) zu hören sind. Bei Songs wie Elizabeth You Were Born To Play That Part oder dem acht Minuten langen Strawberry Wine schleppt er sich und seine Songs von Strophe zu Strophe und setzt das Songwriting in den Vordergrund.

Dementsprechend ist 29 weniger Alltagskompatibel. Keine Musik, die laute Busfahrten und überfüllte Fußgängerzonen erträglicher macht. Im Gegensatz zu den beiden Vorgängern geht die Musik diesmal in einem solchen Umfeld völlig unter. 29 ist eher ein weiteres Love Is Hell, dessen einzelnen Worten man beim auftauchen, verstummen und leise nachhallen zuhören möchte und dabei friedlich an einem der beiden Lautsprecher liegt. Insbesondere beim stärksten Stück Starlite Diner, das sich als ein zweites Goodnight, Hollywood Blvd entpuppt und auf die Zeilen „Have you ever slept it off to the bones / And woken up at night my love / Having dreamt you called them all / Every person you could never love direkt It’s a blow out / On a birthday cake / And I’m a birthday candle / Floating on the lake“ folgen läßt und damit wieder einmal in´s Schwarze trifft. Spätestens dann spielt es keine Rolle, ob es Ryan Adams drittes Album in einem Jahr oder erst sein Debütalbum ist. Denn wir haben die Musik

Irgendwann werden sich die vielen Stücke setzen, mit denen Ryan Adams uns in den letzten Jahren beglückt hat. Dann wissen wir sie mit Sicherheit alle zu schätzen und können vielleicht sogar ein Lieblingsalbum ausmachen. Bis dahin bleibt es jedoch dabei: Ryan Adams ist einer der talentiertesten Songwriter der Gegenwart und seine Songs vermehren sich wie Karnickel.

[Sebastian Jegorow]

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