The Decemberists – The Crane Wife


Decemberists

Sagen wir es gleich vorweg: The Crane Wife, die aktuelle Platte der Decemberists, gehört mit einer fast hundertprozentigen Wahrscheinlichkeit zu den Alben, die sich in meiner Jahresendstatistik (die ich mit ebenso großer Wahrscheinlichkeit niemals verschriftlichen
werde) an die Spitze der Meistgehörten-Liste hochgekämpft haben werden.

Was bemerkenswert ist, denn man weiß bei dieser Band sowieso nicht mehr so genau, wie sie das machen: Mindestens eine, wenn nicht sogar zwei Veröffentlichungen pro Jahr (Castaways and Cutouts sowie Her Majesty sind beide 2003 erschienen) seit Gründung. Hinzu kommt, dass trotz überbordender Produktivität im Decemberists-Universum der Ausdruck „schwächeln“ wohl in keinem Wörterbuch zu finden sein dürfte. Jede Platte toppte die vorherige (man kennt sich sonst ja nicht so verwöhnt).

Auch bei The Crane Wife ist jede Befürchtung unangebracht. Obwohl es sich dabei um ihr Major-Label-Debut handelt, ist es ein Konzeptalbum, das sie einem vorlegen, das stellenweise die Thematik eines fernöstlichen Volkslieds behandelt, in dem ein armer Herr einen verletzten Kranich an seiner Haustür findet und diesen zur Frau nimmt. Einen Höhere-Mathematik-II-Kurs muss
man nicht belegt haben, um sich zusammen rechnen zu können, dass es sich da vermutlich um eine Liebesanalogie dreht, die von Colin Meloy gewohnt poetisch (ein Wort, das hier bitte als positiv konnotiert zu verstehen ist) und phantasievoll vorgetragen wird.

Das längste Stück des Albums ist der Island / The Landlord’s Daughter / Come And See / You’ll Not Feel The Drowning-Zyklus, währenddessen man sich mehrfach an Led Zeppelin oder Jethro Tull erinnert fühlt. Feinde von Konzeptalben werden sich hier möglicherweise mehrfach (zu Unrecht) gelangweilt an den Kopf fassen (was mit Sicherheit aufregend aussieht), bevor nach 12.42 Minuten das Lied endet. Es gibt aber ganz und gar keinen Spannungsabfall zu verzeichnen. In The Crane Wife 1 and 2 wird das Kranichthema wiederum aufgegriffen, nach einem singletauglichen Summersong in zunächst ruhiger Manier und bauscht sich bei „And all the stars were crashing round as I laid eyes on what I found“ zu etwas auf, was man bei Meloy gradezu konstant attestieren möchte, nämlich einer Art von beschwingter Traurigkeit (es war, glaube ich, ein anderer, nämlich Sophias Robin Proper-Sheppard, der einem Hölderlins Kopulativkompositum „traurigfroh“ durch sein „I know that’s sad. In a happy way of course“ wieder ins Gedächtnis rief). Meloys Musik ist das: traurigfroh. Eine Kunst, das so hinzubekommen.

Wem also als Begründung, warum dies eine der besten Platten des Jahres sein soll, nicht reicht, es sich einfach anzuhören und zu verstehen, dass hier jemand genial ist, der darf sich also jetzt das Attribut „traurigfroh“ als Auszeichnung vorstellen, die ich hier um Colin Meloys Hals hänge. In diesem Sinne: „There’s a bend in the wind and it rakes at my heart.” (Markus Steidl)

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