State Radio


Im Vorfeld des ersten State Radio Konzerts in Deutschland, am 20. September 2006 in Frankfurt, hatte der Sonic Reducer die Möglichkeit zu einem Interview mit Chad Urmston. Urmston ist Sänger, Gitarrist und Songschreiber der USamerikanischen Band State Radio und ein Drittel der seit ca. zwei Jahren aufgelösten Independent-Band Dispatch.

Sonic Reducer: Wie ist Europa bisher? Gefällt euch das Reisen und die verschiedenen Länder?

Chad Urmston: Wir lieben es. Wir waren in Irland, dem Vereinigten Königreich und heute Abend ist es unsere erste Show in Deutschland. Es ist alles sehr aufregend.

Sonic Reducer: Mit einer Band ist es dein erster Europabesuch, oder? Ist es allgemein dein erster Europaaufenthalt?

Chad Urmston: Ja, mit einer Band ist es das erste Mal. Mit 18 war ich schon mal hier in Deutschland. Ich kam gerade aus Zimbabwe und war krank. In einem Fluss in Zimbabwe habe ich mir einen Parasiten namens „Billharzia“ eingefangen. Meine Deutschlanderinnerungen sind also ein wenig verschwommen. Um die Weihnachtszeit herum hab ich in Berliner Straßen ein bisschen Gitarre gespielt. Ich hab ein wenig Geld verdient und bin dann nach Hause.

Sonic Reducer: Habt ihr mit Dispatch jemals darüber nachgedacht einige Konzerte in Deutschland zu geben?

Chad Urmston: Niemand hat uns gefragt (lacht). Das war etwas was wir alle sehr gerne getan hätten. Aber das war schwierig. Viele Leute interessierten sich erst am Ende von Dispatch für unsere Musik und wussten vorher gar nichts von uns.

Sonic Reducer: Wie wurde State Radio gegründet und was war die Idee hinter der Band? Als eure erste EP Flag of the Shiners veröffentlicht wurde, warst du im Prinzip doch immer noch bei Dispatch, oder?

Chad Urmston: Ich dachte das mit Dispatch sei vorbei, ich glaube wir alle meinten es sei vorbei. Ich dachte wir hätten mit Dispatch unsere letzte Show gespielt und dann kam aber ein Jahr später doch noch eine weitere. Wir glaubten alle Dispatch wäre Geschichte und da hab ich es mit einer neuen Band probiert. Als wir die die Band starteten dachte ich nicht das Dispatch jemals noch ein Konzert geben würden, aber es kam dann doch noch eins. Das ganze was damals bei Dispatch ablief war ziemlich desillusionierend für mich. Es kam mir vor, als würden unsere Freundschaften den Bach runter gehen und kreativ bekamen wir auch nichts mehr auf die Reihe. Also dachte ich, ich guck mal wie es mit einer neuen Band läuft. Wenn nicht hätte ich einfach angefangen auf einer Schweinefarm zu arbeiten.
State Radio Head

Sonic Reducer: Was schwebt dir für den zukünftigen State Radio Sound vor? Vielleicht wieder ein bisschen mehr akustische Sachen wie euren Song Camilo oder eure Simmer Kane-EP? Im Großen und Granzen ist Us Against The Crown ja eher „elektrisch“ und „hart“.

Chad Urmston: Ich denke die nächsten Alben werden alle “elektrisch”, sehr “elektrisch”. Es wird aber immer ein paar Songs geben die eher akustisch sind. Wenn ich ein bisschen älter bin, schreibe ich vielleicht mehr Songs die nicht so „elektrisch“ sind. Aber jetzt mag ich Songs die rocken.

Sonic Reducer: Was ist dein Lieblingssong auf Us Against The Crown und welchen Song magst du am liebsten, der den Sprung auf das Album nicht geschafft hat?

Chad Urmston: Wir haben eine Reggae-Version von State Inspector aufgenommen. Ich fand, das war mit das Beste was wir als Band bisher gemacht. Leider hat es die Version nicht aufs Album geschafft, was ich schade fand.

Sonic Reducer: Meinst du den Song State I and I den man bei iTunes bekommen kann?

Chad Urmston: Ja genau. Ich finde, dass der Song einen sehr coolen Sound hat. Außerdem kommen am Ende ein paar Zeilen aus unserem Song Riddle was ich ganz interessant finde. Mein Lieblingssong auf dem Album ist wohl Calvado’s Chopper, jedoch spielen wir den nicht sehr oft.

Sonic Reducer: Wo wir gerade bei den Songs sind, die den Sprung auf das Album nicht geschafft haben. Habt ihr vor in näherer Zukunft ein neues Album aufzunehmen?

Chad Urmston: Ja, hoffentlich im Januar.

Sonic Reducer: Habt ihr schon mal darüber nachgedacht etwas mit einem Orchester zu machen? Klassische Musik trifft Reggae-Rock oder so was.

Chad Urmston: Ja, so Gedankenspiele machen Spaß. Es ist aber sehr teuer (lacht). Das dauert seine Zeit. Allgemein wollen wir mehr mit unserem Sound experimentieren, so dass es nicht nur bei Bass, Gitarre und Schlagzeug bleibt.

Sonic Reducer: Wer sind deine Lieblingsmusiker, was hast du gehört als du aufgewachsen bist und wer hat dich als Musiker beeinflusst?

Chad Urmston: Vermutlich Led Zeppelin und Cat Stevens, Jethro Tull und Bob Marley als ich aufgewachsen bin.

Sonic Reducer: Und zeitgenössische Bands?

Chad Urmston: Ich mag Rage Against The Machine, aber ich glaube die sind nicht mehr zeitgenössisch (lacht). Ich liebe Rage, ich mag auch At the Drive-In und eine neue Band die RX Bandits heißt.

Sonic Reducer: Viele State Radio Texte sind sehr politisch. Ich weiß, dass ist eine sehr weitgreifende Frage, aber wie siehst du die momentane US-Regierung und was sind, aus deiner Sicht, die Bereiche in denen sie versagt hat?

Chad Urmston: Im Moment schäme ich mich für die Regierung und bin verärgert über sie. Ich glaube nicht, dass ihnen das „Leben“ genug wert ist. Im Sinne von Menschenleben, die der Irakkrieg bis jetzt auf beiden Seiten gefordert hat. Ich denke der Krieg war von Anfang an illegal. Als Ganzes sehe ich die Regierung als nicht sehr aufrichtig an. Sie Klüngeln mit ihren Wirtschaftsfreunden und alles geht nur ums Geld und Öl und wer es besitzt. Das Bildungssystem in unserem Land ist um einiges schlechter geworden, vielen Programmen für benachteiligte Menschen wurden die Gelder gestrichen. Sogar das Geld für zurückkehrende Irak-Veteranen wurde gekürzt. Währenddessen ist unser Ruf als Land international ruiniert und Hunderttausende von Familien haben im Krieg geliebte Menschen verloren. Einem Krieg der nicht hätte sein müssen, schrecklich frustrierend.

Sonic Reducer: Vor der letzten Wahl waren Leute wie Tim Robbins, Bruce Springsteen oder Pearl Jam Teil der “Vote for Change”-Tour. Einer Tour die dazu beitragen sollte John Kerry zum Präsidenten zu wählen. Denkst du die Tour war eine gute Idee oder vielleicht sogar kontraproduktiv?

Chad Urmston: Ich denke es war eine gute Idee. Ich wünschte mir mehr Menschen in den Vereinigten Staaten wären unzufrieden oder es würde sie mehr interessieren was in der Welt so vorgeht. Die Gründe der Probleme der letzten Jahre sind ein fehlendes Verständnis für unterschiedliche Kulturen. Ich denke wenn wir mehr Leute dazu bekommen könnten, jemanden zu wählen der die USA in einer weniger „Cowboymäßigen“-Art repräsentieren würde, wäre das eine gute Sache. Ich glaube das war es, was die Tour versucht hat zu tun. Leute motivieren und beginnen über verschiedene Sachen zu reden. Wenn Eddie Vedder sich so sehr für eine Sache interessiert und du Pearl Jam liebst, dann motiviert dich das vielleicht wählen zu gehen, mehr Zeitung zu lesen oder dich anderweitig einzumischen. Ich denke das ist eine gute Sache.

Sonic Reducer: In knapp zwei Jahren ist die nächste Präsidentschaftswahl. Siehst du irgendjemanden bei den Demokraten den du unterstützen würdest und der das Zeug hätte Amerika auf einen anderen Weg zu bringen (z.B. Joe Biden, Hillary Clinton…)? Oder wirst du die Grünen unterstützen?

Chad Urmston: Das kommt darauf an. Die Grünen habe ich schon mal unterstützt. Das ist schwierig, weil du eine Langzeitentscheidung triffst, du weißt dass sie jetzt nicht gewinnen werden. Wenn sie bekannter werden, wird irgendwann vielleicht mal jemand von den Grünen gewinnen. Aber auf kurze Sicht gesehen will ich jemanden außer einem Republikaner oder einfach jemanden der die Geschicke unseres Landes übernehmen und einiges vom dem was die Bush-Regierung getan hat, wieder in Ordnung bringen kann. Das könnte auch der Republikaner John McCain sein, ich will damit nicht sagen, dass es nur die eine, im Bezug auf die Parteien, kann. Die Parteien in unserem Zwei-Parteien-System sind im Prinzip gleich. Ich bin unabhängig und würde mich für den geeignetsten Kandidaten entscheiden. Ich mag auch Barack Obama. Und da ist ein Typ namens (Mark) Warner der sehr gut ist. Ich denke Hillary wäre im Vergleich zu dem was gerade an der Macht ist großartig, aber ich bin mir nicht sicher, ob sie die Wähler auf ihre Seite ziehen kann. Was schade ist, ich denke sie wäre ziemlich gut.

Sonic Reducer: Wie reagieren deine Fans im Bezug auf deine politischen Ansichten? Diskutierst du oft mit Leuten die deine Musik mögen, aber mit deiner politischen Meinung nicht übereinstimmen?

Chad Urmston: Ja, manchmal. Das ist gut. Sie sagen, „ich mag deine Musik, aber stimme dir nicht zu“. Das ist okay. Es ist gut, dass wir darüber reden können. Es ist interessant zu hören, warum jemand an etwas glaubt. Das Problem ist, dass du meistens nach einer Show mit Leuten redest und die dann ziemlich betrunken sind, man könnte sich genauso gut mit einer Giraffe unterhalten (lacht). Es ist schwer eine normale Unterhaltung zu führen. Aber klar, ich denke zuerst kommt die Musik. Der Text und die Aussage sind sekundär. Es ist großartig wenn Leute deine Musik hören, ob sie sich näher mit der Aussage dahinter beschäftigen wollen ist einzig und allein ihre Sache.

Sonic Reducer: In ein paar Tagen wird die DVD Last Dispatch veröffentlicht. Hat der Film im Kino die Erwartungen erfüllt die ihr in ihn gesetzt hattet?

Chad Urmston: Ich weiß nicht, ich glaube nicht. Aber ich denke das war weil wir keine Ahnung hatten wie es in der Filmwelt ist. Wenn du viele Jahre in einer Band bist, weißt du ungefähr wie die Musikwelt tickt. Bei Dispatch haben wir immer alle Entscheidungen getroffen und dachten beim Film würde es ähnlich laufen. Aber da sagte man uns gleich, „nein, nein, so macht ihr das, dass ist nicht mehr euer Metier“. Ich finde es war sehr enttäuschend, aber das ist okay. Die Leute werden den Film trotzdem mögen wenn sie sich die DVD kaufen.

Sonic Reducer: Vor ein paar Monaten wurde ein Soundtrack für den Film mit unveröffentlichten Dispatch-Songs angekündigt. Ist der Soundtrack noch in der Mache oder wurde er gestrichen?

Chad Urmston: Davon habe ich noch nie was gehört (lacht). Ich weiß nicht was passiert ist. Es gab viele Fiaskos wie dieses. Das wäre nicht passiert, wenn wir das Sagen gehabt hätten, aber die Leute die den Film gemacht haben sind auch für den Soundtrack verantwortlich. Dispatch hat damit nichts zu tun. Es tut mir leid, dass es so unorganisiert ist. Aber irgendwann kommt denke ich etwas raus. Vor der letzten Show haben wir ein bisschen was aufgenommen. Es gibt eine sehr witzige Version von Fallin’, Brad’s Song, saulustig. Eine totale Verarsche des Songs. Ich hoffe das wird auf dem Soundtrack sein.

Sonic Reducer: Gibt es Hoffnung für weitere Dispatch-Veröffentlichungen? Vielleicht ein paar offiziell veröffentlichte, ältere Liveshows oder eine Rartities & Outtakes-Compilation?

Chad Urmston: Ja, ich würde gerne eine Rarities und Outtakes-Compilation machen. Es gibt eine Menge guter, alter Sachen bei denen wir im Hintergrund reden und so was. Ich habe so Sachen, aus der Fansicht, immer schon gemocht. Das würde ich wirklich gerne machen. Wir wollten erst mal abwarten bis das Filmzeug alles vorbei ist, dann hätten wir Zeit so etwas in Angriff zu nehmen.

Sonic Reducer: Hast du schon mal darüber nachgedacht mit Brad (Braddigan) oder Pete (Francis) auf Tour zu gehen? Ein Braddigan/State Radio Line-up wäre doch z.B. sehr interessant.

Chad Urmston: Ich glaube wir haben uns darüber schon mal Gedanken gemacht. Wenn einer von uns in der Stadt des Anderen spielt, kommt dieser manchmal auf die Bühne und man spielt
zusammen, das macht viel Spaß. Aber eine ganze Tour zusammen zu machen? Darüber haben wir auch nachgedacht, aber wir hatten Angst die ganze Zeit mit Rufen nach Dispatch-Songs bombardiert zu werden und das sich niemand mehr für die Musik der neuen Bands interessiert. Ich kann das ja verstehen. Na ja, deshalb sind wir ein wenig zurückhaltend wenn es um eine gemeinsame Tour geht. Aber die Zeit kann bei so was helfen, man weiß nie.

Sonic Reducer: Könnt ihr von State Radio für die voraussehbare Zukunft leben oder habt ihr auch „normale“ Jobs?

Chad Urmston: Wir leben von State Radio. Manchmal nehmen wir kleine Jobs an und helfen hier und dort ein wenig aus. Wir kommen gerade so über die Runden, speziell mit einer Tour wie dieser gerade. Hoffentlich läuft es gut für uns, mit dem ganzen fliegen und so machen wir im Moment Verlust. Aber wir konnten die Einladung einfach nicht ablehnen (lächelt).

Sonic Reducer: Als ich die Linernotes von Us Against The Crown und einigen älteren Dispatch Alben gelesen habe, sah ich eine Reihe von Namen für dich. Chadwick Stokes, Chad Urmston, Chetro. Repräsentieren die Namen jeweils eine bestimmte Phase deiner Karriere und wie möchtest du heutzutage am liebsten genannt werden?

Chad Urmston: Ich mag Chetro (lacht). So unterschreibe ich immer wenn Leute nach einem Autogramm fragen. Er ist einfach und ein Teil von dem was ich bin und Teil der „Dispatch-Welt“. Ich glaube es gab eine Zeit in der ich versucht habe von dieser „Dispatch-Welt“ wegzulaufen. Wir hatten einen gemeinsamen Traum, und dann kam die Realität als wir älter wurden. Ich bin wohl ein ziemlicher Idealist. Ich war ziemlich enttäuscht von der Richtung in der sich unsere
Freundschaften entwickelten. Jetzt sind die Freundschaften wieder besser und ich fühle mich wieder zufrieden mit allem was „Dispatch“ ist. Ich bin stolz darauf, glücklich, ich liebe Brad und Pete. Ich denke jeder ist jetzt an einem guten Ort.

Sonic Reducer: Ihr habt einen neuen Song, Fall of the American Empire. Kannst du uns erzählen von was er handelt?

Chad Urmston: Es geht um eine vom “Weißen Haus” veranstaltete Party. Sie schmeißen diese riesige, dekadente Party. Mit dem ironischen Wissen das ihr Imperium am Zugrundegehen ist, aber das wollen sie nicht wahr haben. Also haben sie diese große Great Gatsby-mäßige Party, das ist die Idee. Es geht um die Ignoranz und Arroganz der amerikanischen Regierung. Ihr Land geht den Bach runter und sie schmeißen eine Party um das zu feiern.

Sonic Reducer: Wie und wann stellt ihr eine Setlist zusammen?

Chad Urmston: Meistens direkt vorher, ein wildes Durcheinander. Ich spreche mit den anderen in der Band und frage was sie gerne spielen würden. Einfach das wonach wir uns fühlen. Manchmal bin ich auch so unorganisiert, dass ich vergesse was wir als nächstes spielen und ich rufe es den Jungs einfach zu. Das ist nicht fair von mir, ich versuche ein bisschen professioneller zu werden.

Sonic Reducer: Lass uns in die Zukunft sehen. Stell dir vor du bist 70 Jahre alt. Welche Ziele möchtest du bis dahin erreicht haben und liegen diese eher im musikalischen oder familiären Bereich?

Chad Urmston: Ja, ich hätte gerne eine Familie und Kinder, ich mag große Familien. Ich würde gerne ein bisschen mehr zurück zur Erde kommen. Das viele Touren ist eine komische Isolation, urbane Isolation oder so was. Es fühlt sich unecht an. Für mich kommt die Spiritualität aus der Erde und von der Natur, dorthin würde ich gerne etwas zurückkommen. Musikalisch würde ich gerne so lange in einer Band sein, so lange es sich richtig anfühlt. So lang die zwischenmenschlichen Beziehungen gut sind, man zusammen Spaß hat und das Gefühl etwas Ausfüllendes und Zuträgliches zum sozialen Bewusstsein zu tun da ist. Ich liebe es Songs zu schreiben und ich hoffe ich kann damit weitermachen so lange Inspiration dafür da ist.

Sonic Reducer: Vielen Dank für deine Zeit und das Interview.

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