Jonathan Safran Foer


Obwohl geboren und aufgewachsen in Washington, D.C., lebt Jonathan Safran Foer heute, zusammen mit Frau und Kind, in New York. Eine Stadt, die, so wie sie ist, auch sehr viel besser zu ihm passt. Voller Leben, voller Verspieltheit, in jedem Fall etwas verwirrend und für so manchen Kritiker auch zu voll von allem.

Es passt ins Bild, dass Foer, dessen Bücher dieser Beschreibung ebenso gerecht werden, seine Wahlstadt liebt, wie man seinem zweiten Roman „Extrem laut und unglaublich nah“ unschwer entnehmen kann. Doch dazu kommen wir noch. Erstmal ein kleiner Rückblick ins Jahr 2002. Jonathan Safran Foer landet mit „Everything is illuminated“ und der deutschen Übersetzung „Alles ist erleuchtet“, die im Frühjahr 2003 auf dem deutschen Markt erschien, die Überraschung des
Jahres. Mit 25 Jahren. Foer, mit Ivy-League-Abschluss in Literatur und Philosophie, verarbeitet in dem Roman offenkundig auch seine eigene Reise in die Ukraine, die er als junger
Student unternahm.

Ich gebe es zu. Auch ich bin der „Verzauberung“ (Die Zeit) von „Alles ist erleuchtet“ erlegen. Nicht einmal vordergründig wegen der ungewöhnlichen Erzählstruktur, die neben der auktoriellen Gegenwartserzählung und der Vergangenheitserzählung in der 3. Person einen zeitlich danach erfolgenden Briefwechsel beinhaltet. Erzählerische Experimente dieser Art waren zuletzt ohnehin häufiger zu bestaunen. Es ist vielmehr das Zusammenspiel dieser Erzählweise, der unglaublichen und rohen Liebe zur Sprache, die Foer auf 383 Seiten offenbart und der Geschichte selbst:
In der Gegenwart beschreibt der ukrainische Junge Alex mit holprigen, aber charmanten Englisch (was in der deutschen Übersetzung zu Wortkreationen wie „schlugte“ oder „unterwältigt“ führt) seinen Alltag. Eines Tages zwingt ihn sein Vater, zusammen mit seinem Großvater, Reiseführer für einen jüdischen Amerikaner, den „Helden“ Jonathan, zu spielen.

Zusammen mit der „Blindenhündin“ (die eigentlich keine ist) Sammy Davis jr. jr. begeben sich die drei auf eine abenteuerreiche Reise, um die Frau zu finden, die vermutlich das Leben von Jonathans Großvater rettete. Parallel dazu verläuft die Erzählung der Familiengeschichte Jonathans und des Schtetls Trachimbrod in der Vergangenheit, welche auf seine Ururururgroßmutter Brod und auf den bereits erwähnten Großvater fokussiert ist. Zwischendurch immer wieder Elemente aus dem oben erwähnten Briefwechsel.

Belassen wir es dabei: der Versuch, weitere Elemente der zeitlich ineinander verschachtelten, verdrehten und erst nach und nach zu entwirrenden Geschichte wiederzugeben, würde ohnehin nur zu Verwirrung führen. Wir haben ein Buch, das, ohne den Versuch zu unternehmen, epische Ausmaße zu haben, unterhält, innovativ erzählt wird und Sprache feiert. Sowas „verzaubert“ nunmal.

Auch in seinem zweiten Roman „Extrem laut und unglaublich nah“ bleibt Foer der komplexen Erzählstruktur treu: Neben der Gegenwart ist die zweite Ebene im Nationalsozialismus angesiedelt und erzählt die tragische Liebesgeschichte von Oskars Großvater. Oskar, ein 9-jähriger Junge, verliert bei den Terroranschlägen der 11.September seinen Vater. Nach dem Finden eines mysteriösen Briefumschlages mit der Aufschrift „Black“ und dem Hintergrund, dass sein Vater und er gemeinsam viele Rätsel-Ralleys bewältigten, versucht er nun, das Rätsel um den Briefumschlag zu lösen. Ähnlichkeiten zu „Die Blechtrommel“ sind so offenkundig, dass man kaum darauf hinweisen mag: Ein Junge namens Oskar, traumatisiert durch das Werk Erwachsener, läuft mit einem Schlaginstrument durch die Straßen seiner Heimatstadt, um das Passierte zu verarbeiten. Dass das Ganze in Foers Sprache vor dem Hintergrund des 11.Spetembers durchaus auch den qualitativen Vergleich standhalten kann, ist zumindest meine persönliche Meinung. Wieder verzaubert.

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