Dispatch 1


Dispatch

Ende September erschien das vorerst letzte offizielle Lebenszeichen der seit Ende Juli 2004 nicht mehr existierenden US-amerikanischen Band Dispatch. Der Film Last Dispatch von Helmut Schleppi dokumentiert die letzten Tage vor dem Abschlusskonzert der Band in einem Park in Boston. Die Dokumentation erschien nun nach der Veröffentlichung in wenigen Kinos der USA auch auf DVD.

Die drei Mitglieder Brad Corrigan, Chad Urmston und Pete Francis kommen ausreichend zu Wort und der Film versucht eine Karriere nachzuzeichnen und ein Phänomen anschaulich zu machen, dass für viele wohl immer ein Rätsel bleiben wird. Wie schafft es eine komplett unabhängige Band ohne jegliche Unterstützung eines Major-Labels Hunderttausende von Platten zu verkaufen und, laut einer Bostoner Zeitung, ein Konzert vor über 110.000 Menschen zu spielen? Die zu großen Teilen auf der innerbandlichen Freundschaft fokussierte Geschichte des Endes von Dispatch ist mitunter traurig und für viele nachvollziehbar.

Aber der Reihe nach. Bevor die Band am 31. Juli 2004 in Boston zu einem finalen Höhepunkt zusammenkam, vergingen acht ereignisreiche Jahre. Die Gruppe gründete sich 1995 und entstand aus einer Art freundschaftlichem Dreieck. Pete Francis (im realen Leben Pete Heimbold) spielte zusammen mit Chad Urmston unter dem Namen Hermit Thrush und mit Brad Corrigan unter dem Namen Woodriver Bandits. Sein Ziel war es die Kräfte zu bündeln, Urmston und Corrigan einander vorzustellen und als Trio weiterzumachen. Nach anfänglichen Bedenken setzten die Drei es schnell in die Tat um und nachdem man sich wegen Namensquerelen vom ursprünglichen Bandnamen (One Fell Swoop) trennen musste, war Dispatch geboren. Den Sound richtete man Anfangs strikt auf die dominierenden akustischen Gitarren und den dreistimmigen Harmoniegesang aus. Das Debütalbum Silent Steeples gibt diese Phase der Band am besten wieder.

Die frühen Dispatch-Jahre sind sowohl vom Suchen nach Auftrittsmöglichkeiten, als auch von dem „über-Wasser-halten“ geprägt. Laut Bandaussagen machte das aber den Spaß aus. In ihrem alten Van Wimpy fuhren die Drei die Ostküste hoch und runter, spielten vorwiegend College-Konzerte und eroberten sich nach und nach und ohne wirkliche Marketingstrategie eine Fanbase in dieser Region. 1997 veröffentlichte man das zweite Album in Eigenregie, Bang, Bang. Der Sound wanderte vom akustischen Trio immer mehr dorthin wodurch Dispatch bekannt wurden: ihren Facettenreichtum. Rock, Reagge, Funk, klassische Singer/Songwriter Nummern.

Eine genaue Kategorisierung ist so gut wie unmöglich. Dispatch-Touren folgten weiterhin dem oben genannten Schema und Mund-zu-Mund-Propaganda entwickelte sich zur stärksten Waffe um die Band bekannter zu machen. Ironischerweise konnten Francis, Corrigan und Urmston bei dieser Art von Werbung, außer Konzerte zu spielen, gar nicht viel machen. Engagierte Fans und die schwer zu übersetzende (deshalb lasse ich es auch gleich) Grassroots-Bewegung brachten
Dispatch von Tour zu Tour in größere Clubs und Hallen. Gänzlich von Majorlabeln ignoriert wurde die Band in ihrer Karriere nicht. Belächelt trifft es wohl eher. Zarte Kontakte der Plattenindustrie gab es, aber den Mut der Band vollkommene künstlerische Kontrolle zu überlassen nicht. Deshalb entschied man sich, es beim do-it-yourself zu belassen. Die Studioalben Four-Day Trials und Who Are We Living For? folgten 1999 und 2000. Spätestens mit dem Letzteren und den nachfolgenden Touren gelang der Durchbruch. Dispatch-Konzerte fanden nunmehr vor einigen Tausend und nicht mehr vor einigen hundert Leuten statt und sogar bei den berühmten „Napster-Anhörungen“ spielten Corrigan, Urmston und Francis eine kleine Rolle. Shawn Fenning, der Gründer von Napster, wurde durch seine Erfindung selbst zum Dispatch-Fan und wie er zahllose andere. Als Band ohne Majorlabel wird man von den großen Plattenläden ignoriert, ebenso vom Radio.

Napster bot Dispatch und etlichen anderen unabhängigen Künstlern ein Forum ihre Musik einer breiteren Masse zugänglich zu machen. Die Band nutze diese Plattform und eroberte nun die Herzen von begeisterten Musikhörern in den ganzen Vereinigten Staaten und über deren Grenzen hinaus. Die Tour 2001 sollte wohl die erfolgreichste in der ganzen Bandgeschichte werden und zog den Liverelease Gut The Van und ein wenig später die DVD Under The Radar nach sich. Im Prinzip hätte es nicht besser laufen können. Immer noch unabhängig und unter Eigenregie fuhr Dispatch Erfolge ein von denen viele Bands bei Majorlabeln nur träumen können. Hinter der Fassade bröckelte es aber leider immer mehr. Wer ist eigentlich der Leadsänger, wer bekommt mehr Songs auf ein Album, wer trifft Entscheidungen? Alles Fragen die sich über die Jahre anstauten, entwickelten und immer mehr überkochten. Die Egos von Corrigan und Francis bewegten sich alles andere als im Gleichklang, was zur Folge hatte, dass sich Urmston immer mehr zurück zog. Man hörte zwar nicht direkt auf, aber das Versprechen es sein zu lassen sobald die Freundschaften unter der Band leiden, wurde 2002 eingelöst. Eine Trennung, eine Pause?

Selbst Fans wussten nicht hundertprozentig was es genau war. Die Band fasste es, wie wir mittlerweile wissen, wohl bereits als Trennung auf, entschied sich aber nachdem ein wenig Gras über die Sachen gewachsen war, doch dafür noch einmal zusammen zu spielen. Für sich, für die Fans, für die Musik. Daraus wurde das Abschlusskonzert vor 110.000 Menschen in der Hatch Shell zu Boston. Die Show ging als Größte einer Independent-Band in die Musikgeschichte ein und überraschte die örtliche Polizei noch um einiges mehr als die Band selbst. Sie rechneten eher mit 30.000 Fans. Das Konzert dokumentiert sowohl die 3-Disc-Box All Points Bulletin als auch der bereits erwähnte Kinofilm Last Dispatch. Nach dem offiziellen Ende der Band sind die Freundschaften von Chad, Pete und Brad wieder auf dem Stand, der alle drei zufrieden stellt. Das ein oder andere Dispatch-Benefizkonzert wird für die Zukunft nicht ausgeschlossen. Jeder der drei macht weiter Musik, entweder Solo (Pete Francis und Brad Corrigan als Braddigan) oder in einer neuen Band (Chad Urmston bei State Radio). „Keep living your dream“ ruft Pete Francis am Ende des Abschlusskonzerts in die Menge. Ein schöner Aufruf an uns alle. (Sascha Knapek)


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