Seinfeld


Seinfeld

Richtig bekannt wurde eine der beliebtesten und erfolgreichsten US-Serien bei uns nie. Für eine Weile hatte es Seinfeld zwar mal ins Vorabendprogramm von Pro7 geschafft, aber das war’s. Momentan fristet die seinerzeit revolutionäre Sitcom ein Dasein im Nachtprogramm von Kabel1. Dies sagt jedoch nichts über die Qualität der urkomischen Geschichten um Jerry, Elaine, George und Kramer. Masturbationswettkämpfe, Spuckattentate, akuter Klopapiermangel, Bob Sacamano, sind nur einige Stichworte aus dem unendlichen Seinfeld-Universum. Aber worum geht es in diesem Universum und was macht es aus?

Jerry, Elaine, Kramer und George . Das sind die Namen der vier Seinfeld-Protagonisten (alle Mitte/Ende 30). Der Grundpfeiler der Serie basiert auf der Idee eine Sitcom über das tägliche Leben eines Stand-Up Komikers zu machen. Was erlebt dieser Komiker und wie fließt der Alltag in seine Bühnenprogramme ein?

Durch intelligente Schreiberteams und drei im Prinzip gleichwertige Rollen neben dem Komiker, entwickelte sich die Serie über die Jahre aber zu viel mehr. Die geistigen Väter hinter Seinfeld sind Larry David (Curb Your Enthusiasm) und Jerry Seinfeld. Ende der Achtziger fragte der amerikanische Fernsehrsender NBC bei Seinfeld nach, ob sich dieser nicht eine eigene TV-Serie vorstellen könnte. Zusammen mit seinem Freund Larry David machte sich der Stand-Up Comedian
ans Werk und schrieb eine Pilotfolge („The Seinfeld-Chronicles“). Der Erfolg war am Anfang bestenfalls durchwachsen und so wurden für die ersten beiden Staffeln von NBC nur wenigen Folgen geordert und der Fortlauf der Serie stand oftmals auf der Kippe. Innerhalb der ersten „vollen“ (der dritten) Staffel hatte sich die Serie jedoch so viele Fans erkämpft, dass es von dort an kein Halten mehr gab. Nach neun Staffeln und 180 Folgen endete Seinfeld 1998.
Thematisch bewegen sich viele der Geschichten und Themen in Seinfeld am realen Leben ihrer Schreiber. Ganz offensichtlich fängt es damit an, dass Jerry Seinfeld sich im Prinzip selbst spielt, überzeichnet und natürlich nicht immer aus der realen Welt übernommen. Weiter geht es mit den Figuren George und Kramer. George ist das Alter-Ego von Larry David und Kramer der Nachbar (Kenny Kramer) von David im realen Leben. Bei vielen Geschichten denkt man wohl zuerst, so was passiert nur im Fernsehen! Aber gerade diese Handlungen, sei es ein Masturbationswettstreit oder das Warten in einem chinesischen Restaurant, entstammen realen Erfahrungen der Seinfeld-Schreiber. Exemplarisch lässt sich die Realitätsnähe bzw. die unkonventionellen Geschichten an der kompletten vierten Staffel darstellen.

Mehrere rote Fäden, die meist irgendwie miteinander verbunden sind, ziehen sich durch alle Folgen der Staffel. Jerry und George bekommen ein Angebot für eine eigene Fernsehserie und ähnlich der „Bild im Bild“-Technik in der Kunst (mise en abîme), wird in der Fernsehserie Seinfeld gezeigt wie eben diese Serie einmal entstand. Sicher kein dokumentarisch, faktischer Abriss, aber eine komödiantisch unterfütterte Aufbereitung der realen Entstehungsgeschichte. Nur einige der zahllosen skurrilen Momente in Seinfeld aufzuzählen fällt schwer. Welche nimmt man?

Erwähnenswert ist sicherlich die Idee immer das Gegenteil von dem zu tun was man gerade denkt. George führt diese Erkenntnis in „The Opposite“ zu einer bildhübschen Freundin und einem Traumjob. Zwei Dinge die dem ständig hadernden Verlierer mit der Halbglatze sonst nie passieren würden. Die meisten obskuren und grandiosen Momente gehören allerdings Kramer. Im Prinzip ist er der heimliche Star der Serie. Seine „Eintritte“ in Jerrys Apartment sind legendär, die Idee beim Duschen zu kochen und darin Teile des Essens zuzubereiten oder ein „Coffeetable-book“ über „Coffeetables“ zu schreiben ebenfalls. Er schlägt Golfbälle ins Meer und „locht“ in einen Wal ein den George später retten muss („The Marine Biologist“). Neben diesen unverwechselbar komischen und skurrilen Geschichten zeichnet Seinfeld vor allem eine Sache aus. Viele Episoden führten das US-Fernsehen an Orte, Kommentare und Botschaften, die vor Seinfeld undenkbar waren. Die Serie betrat in vielen Punkten Neuland. Gesellschaftspolitische Themen, die im prüden und konservativen Amerika nichts im Prime-Time-Fernsehen zu suchen hatten fanden durch die Hintertür trotzdem ihren weg. Sei es der Umgang mit der Sexualität anderer Menschen (in diesem Fall Homosexualität) in der Folge „The Outing“ oder das Problem der Abtreibung und Roe vs. Wade in „The Couch“. Vordergründig streitet Kramer sich mit Poppie um die Art und Weise wie man eine Pizza belegt. Man dürfe den Leuten nicht die Entscheidungsmöglichkeit lassen was man alles auf eine Pizza legen darf, argumentiert Poppie. Kramer widerspricht eindringlich und nach dem Verlauf dieser Episode weiß man genau um was es geht. Nicht um Pizza.

Die vier Hauptpersonen Jerry, Elaine, Kramer und George bilden das Korsett. Sie tragen und prägen jede Episode. Aber die Kunst von Seinfeld ist es kleine Charaktere zu kreieren, die im Verlauf der Serie nur selten vorkommen, die Serie und vor allem die Episoden aber unverwechselbar prägen. Jerry’s Eltern, Babu Bhatt, Kenny Bania, J. Peterman, Mr. Pitt oder Onkel Leo sind solche Figuren, die alle unauslöschlich zum Seinfeld-Universum dazugehören auch wenn sie nur in fünf oder zehn Prozent der Folgen mitspielen. Zwei Rollen möchte ich in diesem Zusammenhang besonders herausnehmen. Newman, Jerrys Nemesis, sieht man öfter, nicht nur in einer handvoll Episoden. Zusammen mit Kramer heckt der pummelige Postbote aberwitzige Geschäftsideen aus und sorgt im Verlauf der Serie für einige der größten Lacher. Bob Sacamano sieht man dahingegen nie, nicht eine einzige Sekunde! Kramer zieht seinen (imaginären?) Freund Bob von Zeit zu Zeit für abstruse Geschichten und Anekdoten heran. Immer wenn „my friend Bob Sacamano“ aus Kramers Mund ertönt, kann sich das Zwerchfell schon mal auf den gleich folgenden Lacher einstimmen. Denn Bob arbeitet nicht nur in einer „löchrigen“ Kondomfabrik.

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Am Ende noch kurz etwas zur Synchronisation. Viele Witze und Anspielungen in Seinfeld sind schwer ins Deutsche zu übersetzen. Manchmal gelang dies bei der Synchronisation gut, oftmals aber eher schlecht. Vielleicht ist das ein Grund, wieso die Serie hier nie so einen großen Erfolg wie in ihrem Mutterland hatte. Vielleicht liegt es auch einfach nur daran, dass der Humor oft sehr amerikanisch und für den „Durchschnittsdeutschen“ schwer verständlich ist. Jedem der dem Englischen mächtig ist würde ich auf jeden Fall empfehlen sich Seinfeld im Originalton anzusehen. Wenn man die Serie schon auf Deutsch mochte, wird man sie auf Englisch lieben, versprochen!

Drei meiner liebsten Seinfeld -Folgen:

    The Parking Garage/Im Parkhaus (Staffel 03/Folge 06)

„Im Parkhaus“ ist eine der wenigen Episoden die komplett ohne das Set von Jerrys Apartment auskommen. Die gesamte Folge dreht sich um ein Parkhaus und das darin verschwundene Auto in dem die vier Freunde angereist sind. Verschwunden ist eigentlich das falsche Wort, keiner der vier New Yorker hat sich nämlich gemerkt auf welchem Parkdeck und auf welchem Platz sie ihr Vehikel abgestellt haben. Wer ist Schuld und wie findet man nun das verschollene Auto wieder? Natürlich entbrennt eine wilde Suche, denn jedem ist daran gelegen schnell aus dem Parkhaus heraus zu kommen. Elaine hat einen Goldfisch gekauft, aber wie lange kann dieser im kleinen Plastikbeutel mit Wasser überleben? George hat eine wichtige Verabredung mit seinen Eltern. Kramer trägt den eigentlichen Grund des Parkhausbesuchs, eine Klimaanlage, spazieren und deponiert sie schließlich hinter einem geparkten Auto. Dieses Versteck wird später, ähnlich dem Autoparkplatz, natürlich ebenfalls vergessen. Jerry schießt allerdings den Vogel ab. Er mussdringend auf die Toilette. Von Kramer animiert verrichtet er sein kleines Geschäft schlussendlich in einer scheinbar dunklen Parkhausecke. Wie es der Zufall so will entdeckt ihn ein Wachmann bei dieser Tat und nimmt Jerry in Gewahrsam. Die Erfindung einer seltenen Krankheit hilft Seinfeld nicht aus dieser Situation und als George für das gleiche Vergehen einkassiert wird, sind zwei der vier Freunde plötzlich wieder vereint.„Im Parkhaus“ ist inhaltlich eine typische Seinfeld- Folge. Eine scheinbar nicht sehr inhaltsgeladene Alltagssituation, die viele Zuschauer kennen oder sich zumindest vorstellen können, wird zu einer witzigen Parkdeck-Odyssee.

    The Contest/Der Wettstreit (Staffel04/Folge11)

    „Der Wettstreit“ ist die Mutter aller Seinfeld-Folgen! Die mit dem Emmy ausgezeichnete und von Larry David geschriebene Episode darf in keiner Aufzählung der besten Seinfeld-Folgen fehlen.
    Alles beginnt in Monks-Diner. George erzählt seinen drei Freunden wie er gerade von seiner Mutter bei der Selbstbefriedigung erwischt wurde. Diese fiel in Ohnmacht und liegt jetzt im Krankenhaus. Mitgefühl braucht er von Jerry, Elaine und Kramer nicht zu erwarten, natürlich werden erst mal Witze auf Georges Kosten gemacht. Gleich anschließend vereinbaren die vier Freunde eine Wette. Wer kommt am längsten ohne Selbstbefriedigung aus. Der Rest der Folge erstreckt sich über allerhand Versuchungen diesbezüglich. Von Jerry Apartment aus kann man eine Frau sehen die nur nackt durch ihre Wohnung läuft, Elaine trifft John F. Kennedy Jr. und George wird sogar beim Besuch seiner Mutter im Krankenhaus schwach. Das komplette Leben der vier New Yorker dreht sich nur noch um den „Wettstreit“. Das amüsante und Einzigartige an dieser Folge ist die wahre Begebenheit die hinter der Geschichte steckt. Autor Larry David kennt solch einen „Wettstreit“ nämlich aus eigener Erfahrung nur zu gut, er war selbst schon mal ein Teilnehmer. Außerdem geht es zugegebenermaßen um ein relativ anstößiges Thema. Die Erstausstrahlung der Folge in den USA war 1992. Man kann sich gut vorstellen wie schwierig es für die Crew gewesen sein muss solch ein brisantes Thema ins konservative US-Fernsehen zu bekommen. Die Kinder, sprich die Körperteile und Handlungen, werden nie beim Namen genannt. Ob „Master of my Domain“ oder „Queen of the Castle“, sobald die Sprache auf das besagte Wettthema kommt gibt’s die lustigsten Metaphern und Umschreibungen.

      The Soup Nazi/Der Suppen-Nazi (Staffel07/Folge06)

    Allein der Name dieser Folge verrät alles. Kramer entdeckt einen neuen Suppenladen und die Freunde sind nach einer Portion Suppe Feuer und Flamme. Einziger Haken, der Suppenkoch verkauft seine Suppe nur nach einem vorher festgelegten Muster. Wer sein gewünschtes Bestellritual missachtet bekommt keine Suppe! Natürlich ruft dieser Umgang Probleme hervor. Elaine gerät in eine Privatfehde mit dem Suppen-Nazi, George braucht auch mehrere Anläufe um sich eine Portion kaufen zu dürfen und Jerry muss sich zwischen seiner Freundin und der Suppe entscheiden. Er wählt natürlich die Suppe. Kramer steht als einziger auf gutem Fuß mit dem Suppen-Nazi. Er bekommt diesen sogar so weit ihm einen antiken Schrank zu schenken. Solch ein Schrank wurde nämlich kurz zuvor Elaine gestohlen als Kramer den Schrank eigentlich bewachen sollte. Als der Suppen-Nazi erfährt wem er seinen antiken Schrank aber in Wirklichkeit geschenkt hat, kommt die Fehde mit Elaine erst so richtig in Gang. Der Suppen-Nazi ahnt nicht mit wem er sich da angelegt hat. Allein die Idee der elitären Marktwirtschaft und das man vom Suppenkauf ausgeschlossen werden kann, macht die Episode besonders witzig. „No soup for you!” kommt in den Kreis der legendären Seinfeld One-Liners und die Figur des Suppen-Nazis bleibt einem ewig im Gedächtnis. Newman, Bania, Bob und Cedric kommen auch alle in der mit lustigen Charakteren gespickten Episode vor.
    [Sascha Knapek]

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