Ray Lamontagne – Till The Sun Turns Black


Ray Lamontagne

Ray Lamontagnes Geschichte fängt mit einer traurigen Kindheit in armen Verhältnissen an. Viel durch die Gegend gezogen, schlechtes Verhältnis zum Vater gehabt und später die Tristesse einer Schuhfabrik kennengelernt. Die große Epiphanie in bester Joyce-Manier folgte, als er durch den Radiowecker, der morgens „Tree Top Flies“ von Stephen Still trällerte, zum Musizieren bekehrt wurde. Eine Biographie, die man durchaus mit irgendeinem Hollywoodstar verfilmen könnte. Mit ganz viel Pathos und Kitsch geschmückt dürfte die Ray Lamontagne Story wohl selbst Walk The Line und Rocky IV große Konkurrenz machen. Doch hier geht es um Musik und das Wesentliche.

Sein Debütalbum Trouble, das er in nur zwei Wochen aufnahm, glänzte mit einer schlichten Produktion, die Ray Lamontagnes Stärke – die unverwechselbare Stimme – voll zur Geltung kommen ließ. Eine Stimme, die sich wie eine Kettensäge durch den Körper schneiden kann und einen ebenso bewegt. Verkauft hat sich das Ganze halbwegs erfolgreich und so darf Lamontagne nun auch einen Nachfolger präsentieren. Sein neues Album wirkt bunter, ausgefeilter und anfangs fast schon überladen. Die schlichte Produktion der ersten Platte wird hier mit Streichern und allen möglichen Studiotricks verfeinert. Auch das Songwriting, das früher eher schlicht ausfiel und sich auf die nötigsten Elemente begrenze, wurde hier mit viel Feingefühl um zahlreiche Facetten erweitert. Bereits bei „Be Here Now“ hören wir ein sanftes Streicherintro und den atmosphärischen Feedback, die für Verwirrung sorgen und den Hörer fast schon die CD auswerfen lassen, um das CD Label zu überprüfen. Doch spätestens bei der ersten Textzeile ist man wieder zu Hause.

Hier singt die Sehnsucht und Lebenserfahrung höchstpersönlich. Keine Kopie, sondern die echte Sehnsucht, die sich eben diesmal in weiche Streicherwatte gepackt hat. Und spätestens bei Empty, dem zweiten Stück der Platte, hat er den Hörer in der Tasche. Von da an läuft alles wie am Schnürchen. Emotionen, Melancholie, Anspannung, Klimax, Entspannung…the real thing. Insbesondere bei Can I Stay macht die Kunst sprachlos und lässt das kleine verschrumpelte Männchen in der Brust stark zittern. Zwischendurch geht es sogar bei Three More Days jazziger und flotter zur Sache. Und dann ist da eben noch das Ende. Zwei Stücke, die alles übertreffen. Zunächst der Spannungsaufbau in Till The Sun Turns Black, der mit den Streichern und dem Songwriting Hand in Hand in jeder Sekunde den großen Ausbruch andeutet. Der große Knall scheint so nahe wie noch nie. Da staut sich etwas an. Doch am Ende kommt er erst nach dem Übergang zum letzten Song Within You. Genau dann ergibt die Sache mit den Streichern entgültig Sinn. Die Wolken reissen, der Regen fällt auf die trockenen Felder, die Menschen tanzen, vor lauter LOVE wird man benebelt und weder die Augen der Zuschauer, noch die Kamera bleiben da trocken. Letztlich ist Till The Sun Turns Black doch ein Film geworden. Ein großer sentimentaler Streifen, dem man Kitsch vorwerfen könnte, wenn man ihm nicht so erlegen wäre. (Sebastian Jegorow)

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