Rainer Werner Fassbinder


Rainer Werner Fassbinder

Rainer Werner Fassbinder sagte einmal: „Ich möchte ein Haus mit meinen Filmen bauen. Einige sind der Keller, andere die Wände, und wieder andere sind die Fenster. Aber ich hoffe, dass es am Ende ein Haus wird.“

Mit über 42 Filmen in 13 Jahren, zahlreichen Kurzfilmen, Theater- und Fernsehproduktionen sollte Fassbinder neben Werner Herzog zum kreativsten Repräsentanten des Neuen Deutschen Films avancieren. Sein früher Tod mit 37 Jahren machte ihn im In- und Ausland zur Legende. Durch
seine Arbeiten wurde der deutsche Film wieder zur legitimen Kunstform und international geschätztem Kulturgut. So tragisch sein Leben endete, so begann es: In die Wirren des Nachkriegsdeutschlands `45 hineingeboren, sollte Fassbinder eine unstete und unglückliche Kindheit verleben. Die Scheidung der Eltern, häufige Schul- und Ortswechsel, und das frühe Wissen um seine Homosexualität machten ihn in einer tabuisierten Zeit zur Persona non grata. Ein Zustand, der ihn für ewig prägen sollte.

1967 führte ihn die Schauspielerin Mariete Greiselis in den Kreis des Action- Theaters in München ein. Die Kommune, für Fassbinder ein Rückzugsort, in der er fortan seine künstlerische Sozialisation erfuhr, sollte für ihn zu einer Art Familienersatz werden. In kürzester Zeit wurde Fassbinder zur wichtigsten und einflussreichsten Figur des Theaters: Er übernahm tragende Rollen, holte seinen zukünftigen Star Hanna Schygulla in die Gruppe und realisierte 1968 sein erstes Theaterstück Katzelmacher.

In Liebe ist kälter als der Tod, seinem Spielfilmdebüt aus dem Jahre 1969, ein ästhetisches Slo-Mo Gebilde, das dem Gangsterfilm der 50er Jahre (siehe Der eiskalte Engel von Jean-Pierre Melville) seine Ehrerbietung zollte, spielte Fassbinder neben Ulli Lommel und Hanna Schygulla selbst eine der Hauptrollen. Noch im selben Jahr brachte er mit den Schauspielern des Antiteaters – welches nach der Schließung des Action-Theaters von ihm gegründet wurde – Katzelmacher auf die Leinwand. Der Film wurde ein durchschlagender Erfolg: fünf Bundesfilmpreise, zahlreiche Festivalauszeichnungen und 400 000 DM Prämie für die nächsten Projekte, bescherten Fassbinder den großen Durchbruch.

Die 70er Jahre müssen zu seiner produktivsten Zeit gezählt werden, so entstanden 28 Filme (7 Produktionen allein 1970), darunter Meisterwerke wie der Publikumserfolg Angst essen Seele auf (1973), Die Ehe der Maria Braun (1979) und Fontane Effi Briest (1974). Fassbinder wendete sich in den 70er Jahren stark der Melodramatik zu, eine Gattung, die sein großes Vorbild Douglas Sirk in den 50er Jahren mit Filmen wie All I desire und Written on the wind revolutionierte. Diese
neue Phase wurde mit dem Werk Händler der vier Jahreszeiten (1971) und Die bitteren Tränen der Petra von Kant (1971) eingeleitet und setzte sich mit Angst essen Seele auf weiter fort.
Rainer Werner Fassbinder galt sein Leben lang als schwieriger Charakter. Seine Ehe mit der Schauspielerin Ingrid Caven wurde 1972 geschieden und seine Wutausbrüche, Demütigungen und Bösartigkeiten innerhalb seiner Gruppe sind legendär. Doch trotz seines autoritären, oft unkontrollierbarem Verhalten, schaffte es Fassbinder einen Clan von Schauspielern um sich zu versammeln, die ihm teilweise bis zu seinem Tode die Treue hielten.

Von Drogen und dem Leben gezeichnet, realisierte er Anfang der 80er Jahre noch weitere große Projekte, die seinen Status als einer der wichtigsten Deutschen Regisseure festigen sollten: den mehrteiliger Fernsehfilm Berlin Alexanderplatz (1980), Lilli Marleen (1981), Lola (1981) und den Erfolgsfilm Die Sehnsucht der Veronika Voss (1982). Es sollten seine letzten Arbeiten sein. Am Ende war das Genie einfach verglüht. Rainer Werner Fassbinder starb am 10. Juni 1982 in München an einer Überdosis Kokain. Dieses Jahr, am 31. Mai, wäre der Regisseur 61 Jahre alt geworden. Mit seinem frühen Tod verlor der deutsche Film seine wichtigste Identifikationsfigur und schillerndste Gestalt, sein Lebenstraum wurde letztlich aber doch Wirklichkeit: er hat sich mit seinen Filmen ein Haus gebaut. (Nicholas Hessenkamp)

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