Tarnation


Tarnation

In seinem Film Tarnation pendelt Jonathan Couette gekonnt zwischen Seelenstriptease und Filmkunst. Damit reisst er den Zuschauer in ein aufwühlendes und unvergessliches Loch. Mit welchen Worten soll man einen Text über Tarnation wohl am besten beginnen?

Worauf soll man dabei als erstes den Fokus setzen? Da wäre mit Sicherheit das Budget von etwa 200 Doller ein guter Eyecatcher.. Das zieht doch Leser an. Wie kann man mit 200 Dollar einen Film drehen, der interessant genug ist, um hier erwähnt zu werden und unter anderem beim Sundance Festival abräumt? Nun, die Antwort ist recht einfach und macht die Illusion einer meisterlichen Sparleistung in Sachen Budget kaputt. Tarnation besteht zum Großteil aus dem privaten Heimarchiv des Filmemachers. Der Film zeichnet seine Familiengeschichte nach und soll insbesondere ein Portrait der Beziehung zu seiner schizophrenen Mutter in den Mittelpunkt stellen. Nach einer recht aufgesetzt wirkenden Einleitung beginnt der interessante Teil mit Familienfotos der Großeltern und der Musikbegleitung von Iron & Wine. Die Erzählung der blühenden Geschichte und des Untergangs der Familie wird in schlichten Texteinblendungen erzählt, die insbesondere in den tragischen Momenten etwas absurd wirken. Couette spricht von sich dabei immer in der dritten Person.

Tarnation

Zu den Fotos gesellen sich nach und nach immer mehr Heimvideos und die Bilder lernen parallel zur Hauptfigur selbst laufen.Insbesondere Couettes frühere Schauspiele wirken schockierend. Erst beim zweiten Blick wird klar, dass die früheren Schauspielaufnahmen – so verstörend sie auch wirken mögen – Jonathans Charakter in den Mittelpunkt setzen. Nach und nach wird aus dem Film, der eigentlich von seiner Mutter handeln wollte eine Autobiographie des Filmemachers. Letztlich gelingt es Couette jedoch trotzdem zugleich die Beziehung zu seiner Mutter sowohl in ihrer Anwesenheit, als auch in ihrer Abwesenheit darzustellen. Fest steht, dass der Film wohl das Aufwühlendste ist, das man in den letzten Jahren in Form von bewegenden Bildern zu sehen bekam. Jonathan Couette spielt nun wirklich alle Mittel aus, um in jeder einzelnen Lebensphase die passende Atmosphäre aufzubauen und den Zuschauer zu bewegen. Dabei reicht ihm meist eine der Heimaufnahmen. Hin und wieder ergänzt er diese jedoch mit Schockeffekten diverser Horrorfilme und anderen fremden Einblendungen aus den Bereichen der Pop-Art und des Independent Films. Immer mit dabei ist die Musik, ohne die der Film wohl kaum funktionieren würde. Bands wie Low, Iron & Wine, die Cocteau Twins und die wundervollen Stücke von Max Avery Lichtenstein wirken dabei wie ein perfekter Rahmen für die Bilder, die der Amerikaner zusammenfügt.

Alles in allem entwickelt sich der Film recht schnell zu einer unberechenbaren Collage. So pendelt der Zuschauer meist zwischen Melancholie, Ekel, Schock und Entzücken oder empfindet schlicht alles zugleich. Aufwühlend und diskussionswürdig ist der Film allemal. Ein sehenswertes und unvergleichliches Erlebnis ist er jedoch ebenfalls. Life is a trip. (Sebastian Jegorow)

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