Pearl Jam @ Astoria, London


Pearl Jam

Nach dem Unglück in Roskilde anno 2000 machten sich Pearl Jam in Europa rar. Sechs Jahre ohne ein einziges Konzert in unseren Längengraden hatten am Donnerstag den 20. April ihr Ende. Anlässlich ihres neuen Albums spielte die Band im Londoner Astoria eine seltene, intime Club-Show.

Wie groß oder klein das Astoria genau ist, war vorher eine spannend diskutierte Frage. Aber als man Jacke und Rucksack an der Garderobe abgegeben hatte, die bange Frage, ob die gekauften Tickets auch wirklich am Box-Office auf einen warteten, zur eigenen Freude beantwortet wurde und man den Innenraum des von Außen ein wenig verfallend wirkenden Astoria in Augenschein nehmen konnte, war man mehr als zufrieden. Hier ist’s gemütlich und noch kleiner als erwartet, dachten sicherlich viele. Offiziell fasst der Club 1600 Zuschauer und wenn es in Wirklichkeit nur 1200 wären würde mich das auch nicht wundern. Fast jedem der einen Weg in die Halle gefunden hatte, war wohl klar wie speziell ein Pearl Jam Konzert in solch einem kleinen Rahmen ist. An der Mischung aus unendlichem Freudestrahlen und Ungläubigkeit konnte man es vielen Fans im Innenraum förmlich im Gesicht ablesen wie ihnen zu Mute ist.

Um kurz nach 20.00 Uhr Ortszeit war es dann soweit. Unter tosendem Applaus betraten Jeff Ament, Matt Cameron, Stone Gossard, Mike McCready und Eddie Vedder die Bühne. Boom Gaspar, der Pearl Jam seit 2002 an der Orgel begleitet, war
nicht mit nach London gereist. Eineinhalb Stunden hatte man seit dem Einlass um 18.30 Uhr auf diesen Moment im Astoria hingefiebert und die nicht enden wollende Instrumentenstimmerei der Roadies machte sicherlich viele unter den Zuschauern halb wahnsinnig. „Harter“ oder „ruhiger“ Seteinstieg, Songs von der neuen Platte oder nur welche von den ersten sieben Studioalben der Band? Fragen die bereits mit dem Set-Opener beantwortet wurden. Der hieß „Worldwide Suicide“, ist vom neuen Album und rockt durch und durch. Nach dem Opener spielte die Band vier weitere neue Stücke.

Vor allem „Life Wasted“ und „Severed Hand“ wurden frenetisch gefeiert, obwohl mehr als die Hälfte der Besucher die Songs wohl noch nie vorher gehört hat. Kaum Ansagen zwischen den Songs gaben keine Zeit zum Verschnaufen. Es ist klar, hier werden heute die Rocker ausgepackt. Als sechsten Song präsente die Band um Sänger Eddie Vedder zum ersten Mal einen „Oldie“. Das Intro von „Even Flow“ beginnt und die Meute im Astoria springt noch höher als bei den Tracks zuvor und singt erstmals textsicher und lautstark mit. Im zweiten Teil des Hauptsets befanden sich bekanntere Songs der Band.

Die Texte von „I Am Mine“, „Betterman“ und „Do The Evolution“ wurden lauthals mitgegröhlt und die Songs tosend empfangen. Als absolute Höhepunkte der ersten Stunde empfand ich den neuen Song „Marker In The Sand“, den Vedder mit einer kleinen Gott-Geschichte einleitete, „Present Tense“ und „Why Go“. Das neue Material erstmals live aus der Kiste zu lassen bereitete der Band sichtlich großen Spaß. „Present Tense“ bestach besonders durch den schönen und laute Publikumsgesang im ersten Songdrittel. Sogar Vedder schien freudig überrascht und überließ den Gesang stellenweise komplett den Zuschauern. „Why Go“ ist eine dieser viel zitierten Pearl Jam-Rarities. Der Song wird nur äußerst selten live gespielt (seit 1995 erst zum dritten Mal) und überraschte wohl so ziemlich jeden im Publikum. Als nach 20 Sekunden viele realisierten welcher Song da gerade angestimmt wird, toste erneut Applaus und freudiger Lärm auf. Die noch seltenere
gespielte Nummer „Dirty Frank“ wurde von einigen im Publikum zwar auch gefordert, von Vedder aber nur mit dem ungefähren Satz, „I thought only dirty Americans want to hear that song“, ironisch kommentiert.

Im Vergleich zum Beifall zwischen den Songs, war dieser in der Pause vor dem ersten Zugabenteil eher verhalten. Das Publikum musste einfach mal ein bis zwei Minuten verschnaufen. Das rockige Set hinterließ seine Spuren. Zu Gute kamen vielen auch noch einige der ersten Songs im Zugabenteil. Namentlich „Man Of The Hour“ und „Elderly Woman“ bildeten die einzigen Balladen im kompletten Set und boten kleine Ruhepausen, bei denen man höchstens die Stimmbänder beanspruchte. Schnelle und harte Songs wie „Porch“ oder „Comatose“ bestimmten aber auch die Zugaben. Sichtlich mitgerissen leitete die Band am Ende des Sets „Yellow Ledbetter“ ein. Obligatorisch gehen bei diesem Lied die Lichter an und zu 99,9% steht fest, dass ist der letzte Track heute Abend. Bei Mike McCready’s Solopart im Song teaste er „Nobody’s Fault But Mine“ von Led Zeppelin. Wenige Minuten später wusste man auch wieso. Im 1. Stock verfolgte der ehemalige Led Zeppelin-Sänger Rober Plant das Konzert. Zur Freude des Publikums gehörte London zu den wenigen Ausnahmen, bei denen „Yellow Ledbetter“ aber nicht gleichbedeutend mit dem Setende ist. Nachdem der Band Unmengen an freudigen Gesichtern entgegenblickte und der gellende Applaus nicht enden wollte, wurde der schon verschwundene Stone Gossard zurück auf die Bühne geholt und zu einer phänomenalen Version von „Alive“ angestimmt. Wie vor über zehn Jahren schwang Vedder wie ein Berserker sein Mikrofon durch die Gegend, Mike McCready spielte Gitarrensoli hinter dem Kopf und nach der Nummer waren Band und Publikum gleichermaßen fertig. Die anschließenden Erfrischungen in der Londoner Nacht waren bitter nötig, wohlverdient, aber neben der Verarbeitung des gerade erlebten wohl nur zweitrangig. (Sascha Knapek)

Setlist: Worldwide Suicide, Life Wasted, Severed Hand, Unemployable, Gone, Even Flow, Sad, I Am Mine,
Insignificance, Army Reserve, Present Tense, Betterman, Marker In The Sand, Do The Evolution, Why Go,
Man Of The Hour, Given To Fly, Elderly Woman Behind The Counter In A Small Town, Porch, Comatose,
Leavin‘ Here, Yellow Ledbetter, Alive.

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