Keith Caputo @ Cuba Nova, Münster



Der kleine Musiker aus Brooklyn ist schon etwas Besonderes. Große Erfolge als Sänger von Life Of Agony, die hoch geachtete erste Soloplatte Died Laughing, gefolgt von dem endgültigen Schritt in die musikalische Unabhängigkeit. So gibt es seine letzten Soloalben lediglich über seine Internetseite zu bestellen oder persönlich bei Konzerten zu kaufen. Wer braucht schon Zwischenhändler. Der direkte Weg scheint sich auch in der Musik durchzusetzen und die Eier vom Bauern schmecken doch auch allemal besser als die aus dem Supermarktregal. Dass er damit alles richtig macht, beweisen die vollen Locations seiner aktuellen Tour. So auch die Münsteraner Cuba Nova, in der er kurzfistig einen Gig für das lokale Campusradio in seinen Tourplan packt, um dort sein neues Album Hearts Blood On Your Dawn vorzustellen.

Was auf den Zuschauer zukommt, bleibt vorab wieder ein spannendes Geheimnis. Eine der typischen Life Of Agony Rockshows? Die sanften Gesten der Romantically Rockin´ Out Tour? Etwas ganz Besonderes wie die akustischen Special Venues der ersten Solotour? Letztlich wohl eine Mischung all dieser Formate. Nach dem üblichen Dosenöffner New York City wird Keith Caputo mit der Zeit immer mal wieder rockiger. Da staunst du also. Und vergnügst dich beim Anblick der Wasserflaschen, die neben des Drumkits vor lauter Wucht fröhlich im Rythmus hopsen. Und kurze Zeit später packt er dich dann mit einem der zahlreichen Akustiksongs, der unverwechselbaren Stimme und sägt sich damit durch den ganzen Körper.

Der mit dem Mikrokabel umwickelte Unterarm, der angespannte Gesichtsausdruck, das Posen eines Alternativerockhelden alter Tage. Lauter Reliquien einer längst vergangenen Zeit, die heutzutage in unseren Kreisen eher belächelt und nur noch von Pappnasen wie Scott Strapp oder Ed Kowalczyk geschändet werden. Im Gegensatz zu denen wirkt der ganze Rockpathos bei Caputo jedoch erstaulich mitreißend, unaufgesetzt und unterhaltsam. So verwandelt sich der Songwriter, der im Rahmen seiner Band wie ein kleiner Lausbub wirkt, zwischendurch in eine richtige Rampensau, reißt den Retrostyle des hippen Clubs aus seinem Kontext einer typischen Retrobar und verfrachtet unser Zeitgefühl mitten in die Anfänge der 90er. Und selbst beim Einsatz des längst ausgestorbenen Gitarrensolos findet man an dem ganzen Geschehen auf der Bühne viel gefallen. Das intime Gefühl eines kleinen persönlichen Gigs kommt trotzdem immer wieder auf. So teilt er zwischendurch Wein und Blicke mit Zuschauern, lässt alle mitsingen, erzählt Geheimnisse, knuddelt den Gitarristen und ist zum Schluss von Fans und Freunden umgeben. Nun gut, das klingt jetzt etwas zu sehr nach den Glücksbärchis on Tour, aber hey! An sich eben das übliche Programm, das dann doch wieder etwas Besonderes ist.

Neben den diversen blutgetränkten Stücken des neuen (laut Caputo besten und rohesten Albums) gibt es mit Selfish oder Charade einige Perlen der Vorgänger und mit einer XXL-Fassung von Let´s Pretend einen Reminder an seine Songwriting-Großtaten bei Life Of Agony. Nach dem ungewöhnlichen Tourmarathon der vorangegangenen Tage wirkt Caputos Stimme desöfteren angeschlagen. Das scheint ihn jedoch mehr zu bedrücken als die Zuschauer. Natürlich ist irgendwann auch ein Caputo Konzert vorbei. Für den Musiker und seine Band selbst ist der Arbeitstag damit jedoch noch lange nicht rum. So signiert er in den folgenden Stunden ganz gelassen alles, was ihm unter die Hände gehalten wird, stellt sich für Fotos oder Fragen zur Verfügung und verteilt seine Musik an die interessierten Zuschauer, um sie dann mit einem letzten Blick in die Stadt zu entlassen, in der ein Fahrrad dein bester Freund ist und Keith Caputo für umsonst spielt.

[Text: Sebastian Jegorow / Fotos: Edina Mujkovic]

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