Ben Harper – Both Sides Of The Gun


Ben Harper

Am 17. März diesen Jahres erschien – wenn man den Indie-Release Pleasure And Pain aus dem Jahr 1992 nicht mitrechnet – Ben Harpers sechstes Studioalbum. Der Titel ist Programm. Den Hörer erwarten 18 Songs, die wegen ihrer Unterschiede nicht auf eine CD gepasst hätten.

Die Länge der 18 Stücke (um die 65 Minuten) hätte einen „normalen“ CD-Release nicht verhindert. Harper entschied sich jedoch bewusst für die Doppel-CD Variante. Je neun Tracks beinhaltet jede CD. Eine deckt Harpers rockig, bluesig und funkige Seite ab. Die Andere bringt uns den ruhigen, akustischen Ben Harper. Another Lonely Day, Walk Away oder Roses from my friends hießen Stücke dieser Art früher. Auf der vermeintlich ruhigen Both Sides Of The Gun-Seite heißen sie heute Waiting For You, Morning Yearning oder Reason To Mourn. Speziell diese drei Tracks nehmen einen gleich beim ersten Hören mit und stehen exemplarisch für Harpers gekonntes Songwriting. Diese Seite erinnert an den frühen Ben Harper, noch ohne Funk und mit wenigen elektrischen Gitarrenmomenten. Er packt höchstens mal die gute alte Weissenborn aus.

Akustische Gitarren, Streicher und gelegentlich ein Klavier sind die bestimmenden Instrumente der ersten CD. Harper singt von Liebe, deren Vergänglichkeit, Verlust, Fehlern und uns damit aus dem Herz. Die folgenden Zeilen in seinem Stück Crying Won’t Help You Now kennen einige bestimmt ganz gut aus eigenen Erfahrungen: „You sit there and call me a liar and a cheat /…/ Now you won’t even come out and take a bow / Crying won’t help you now / … / We’ll have to learn to live apart somehow“. Was Harper auf jedem Album mit Texten zu beschreiben und mit Musik zu untermalen schafft, gelingt ihm auf der ruhigen Both Sides Of The Gun-Seite erfreulicherweise häufig. Ich hörte die Songs und fühlte mich an das Gefühl erinnert, das sein zweites Album Fight For Your Mind vor etwas zehn Jahren bei mir auslöste. Harper macht einen traurig, erinnert an Dinge, die man selbst erlebt hat und baut den Hörer dadurch drei Gedankengänge später wieder auf.

In Closer singt Harper „I carry you in my smile / For the first time my true reflection I see / Happy everafter in your eyes“. Objektiv geht es beim Song vermutlich um Verlust und Tod, subjektiv kann der Text einen aber an ganz andere Orte bringen. Abgerundet wird die erste CD der Doppel-Scheibe von den Songs More Than Sorry, dem „rockigsten“ Track der CD, Picture In A Frame und einem Instrumental, bei dem man sich direkt auf einen leeren und staubigen Highway in New Mexico versetzt fühlt (Sweet Nothing Serenade). Einzig bei Never Leave Lonely Alone übertreibt es Harper, in der ihm eigenen Art, mit dem flehenden, weinerlichen Gesang. Den Ausfall kann man neben acht sehr guten Tracks jedoch leicht verkraften. Zudem hat Harper auch schon nervigere Nummern geschrieben. In Waiting for you singt er „I’ve been waiting for you / Never found anything else to do / But waiting for you“. Manche von uns suchen noch, andere haben das efunden, was sie gesucht haben. Das Schöne ist jedoch, dass uns das Gefühl vertraut vorkommt, wenn wir Harpers Songs hören.

Auf der zweiten CD von Both Sides of the Gun präsentiert sich der Songwriter in einem gänzlich anderen Licht. Elektrische Gitarren, Blues und Funk sind hier die Stichworte. Ebenfalls neun Songs unterteilen sich in „some killer“ und „some filler“ Material. Der Opener Better Way kommt orientalisch daher und hat mich beim ersten Hören ziemlich abgeschreckt. Better Way verdient es aber eine zweite (und dritte) Chance zu bekommen. Speziell live zeigt der Song, was er kann. Und das ist einiges. Zu den „filler“-Songs gehört für mich der Titeltrack Both Sides Of The Gun und Please Don’t Talk About Murder While I’m Eating. Harper mag Funk und spielt ihn gerne. Von den vielen Facetten seiner Musik finde ich die funkige leider immer ein wenig nervend und aufgesetzt. Der textliche Schwerpunkt der zweiten neun Songs lässt sich exemplarisch am besten an Black Rain festmachen. Politik- und sozialkritische Themen dominieren seine „harten“ Songs. Die Flutkatastrophe in New Orleans – speziell der Umgang mit der schwarzen Bevölkerung – und der Irak-Krieg trieben Harper zu zornigen und unverblümten Zeilen wie „You left them swimming for their lives / Down in New Orleans / … / You don’t fight for us / But expect us to die for you / … / You may kill the revolutionary / But the revolution you can never bury / … / It won’t be long till the people flood the streets / And take you down / One and all“. Harpers Wunsch nach einem Amerika jenseits der weißen “Bush-Männer” reflektieren viele Songs der zweiten Both Sides of the Gun-CD. Ben Harper ist wütend, aber die Hoffnung groß. Und seine Songs erst Recht! (Sascha Knapek)

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