The Veils – Nux Vomica



Genies können manchmal unberechenbare Diven sein. Der Querkopf Finn Andrews, der nebenbei Sohn des XTC-Mitglieds Barry Andrews ist, schickte die Veils bereits wenige Monate nach dem Release des recht erfolgreichen und ambitionierten Debüts The Runaway Found zum Teufel. Nun läßt er die Band für die Aufnahmen zu Nux Vomica in neuer Besetzung wieder auferstehen und donnert im Alter von 23 Jahren sein Meisterstück mit voller Wucht auf die Musikbühne. Konnte man beim Veils-Debüt The Runaway Found noch desöfteren ein „ganz nett“ als Urteil gelten lassen und Bands wie Starsailor heraushören, so gibt es im Falle von Nux Vomica nur lieben oder hassen. Die neuen Veils sind eine Mischung aus den großen Gesten der Divine Comedy, der Verzweiflung der Bright Eyes und erinnern dabei trotzdem noch entfernt an die alten Stärken.

Das volle Emotionsbrett, das man nicht ignorieren kann, wird hier mit einem beängstigenden Potential vorgetragen und dem Hörer mit Wucht vor den Kopf gehauen. Ohne auch nur eine Textzeile zu verstehen, wird man bereits beim ersten Durchgang erahnen, dass Finn Andrews hier nicht über seine Verdaungsprobleme klagt. Was der junge Mensch da in die Welt hinausschreit, muss ganz tief in ihm brennen. Die Stimme, die beim Debüt bereits immer wieder ausbrach und an ihre Grenzen gehen wollte, jedoch von der glattgebügelten Produktion in Schach gehalten wurde, mutiert nun im Sekundentakt und kommt voll zur Geltung.

Nux Vomica ist wie die Verwunderung über das eigene Blut, das auf die Badezimmerkacheln tropft und einem plötzlich aufzeigt, dass unter all den Schutzhüllen und künstlichen Mauern, die wir aus Gewohnheit Tag für Tag um uns aufbauen, tatsächlich etwas Echtes steckt. Die Erkenntniss, dass in der Brust kein wilder Löwe, sondern ein verschrumpeltes Männchen sitzt, das beim Anblick ankommender Gefahren erzittert. Die Wut und die Liebe scheinen im Falle von Finn Andrews direkt an die Stimmbänder gekettet zu sein. Daraus kann mal ein drohender Ton resultieren, mal der pure Wahnsinn und im Falle von Under The Folding Branches erinnert der Gesang sogar an Fulltime-Romantiker wie Richard Hawley oder Leonard Cohen. Dabei geht der Gesang Hand in Hand mit der groß aufgeblasenen Musikbegleitung, die neben den bereits bekannten Gitarren nun verstärkt Klavier, Orgel und sonstige Waffen einsetzt.

Bei all den Ausbrüchen, die nach dem „schwere Kost“ Label schreien, fällt Nux Vomica zugleich jedoch überaus zugänglich aus. Bereits nach kurzer Zeit findet man Zugang zu der Spannungsspirale und mit den beiden Songs Calliope! und Advice For Young Mothers To Be liefern die Veils zwei unschlagbare Hits, die wohl selbst im Radio eine gute Rolle abgeben könnten. Und wenn Finn Andrews sich nach dem großen Kraftakt zum Abschluß plötzlich ganz ruhig präsentiert und bei The House We All Live In beweist, dass er auch ohne sein großes Rockorchester und die riesen Wut den Hörer mitreissen kann, dann weiß man, auch ohne einen Blick in die Akasha-Chronik zu wagen, dass diesem Musiker eine ganz große Zukunft bevorsteht.
[Sebastian Jegorow]

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