The National @ Prime Club, Köln



Gleich kommt sie. Deine Band des Jahres. Bereits im Oktober hast du ihr diese Krone aufgesetzt, nachdem du monatelang ihr aktuelles Album Alligator gehört, die gesamte The National-Diskographie von hinten aufgerollt und immer wieder deine Freunde mit dem Aufsagen und Kritzeln diverser Songzitate genervt hast.

Der Support interessiert dich nicht sonderlich, obwohl du sonst so ein großes Herz für Support-Acts hast. Film School nennen die sich. Sind sogar durchaus gut. Angenehme Band, deren Sänger stark an Robert Smith erinnert. Als strikter Post-Rock wäre das besser gewesen. So aber driften die durchschnittlichen Songs am Gehör vorbei, bis sie hier und da doch in einem Sturm aus Gitarren vor dir auftauchen und dich mitnehmen.

Nach der üblichen Umbaupause sind sie dann tatsächlich plötzlich auf der Bühne. Ein dünner langer Kerl am Mikro, ein Geiger an der Seite und die übliche Besatzung einer Rockband im Hintergrund. Und deswegen freust du dich schon seit Wochen auf diesen Abend? Du bist schon verdammt seltsam. Der Kölner Prime Club ist jedoch überraschender Weise gut gefüllt. Bist also zumindest nicht allein mit deiner Andersartigkeit und spätestens beim Opener Secret Meeting weißt du wieder warum du hier gelandet bist. Die Stimme, die leicht an Jeff Tweedy erinnert, die Songs, die zwischen Folk und Rock pendeln, die seltsamen und teils bösen Textstellen, die dir aus der Seele sprechen.

Sänger Matt Berninger tippelt beim Singen nervös von einem Fuss auf den anderen, spingt dabei leicht und beisst sich alle Nase lang in die Hand. Zwischendurch tritt er zum Schreien sogar für einige Sekunden von der Bühne. Wenn das nicht zu abgedroschen klingt, wirst du später in dem Artikel eine Zeile in der Art „Er lebt die Songs auf der Bühne“ verwenden. Jede einzelne Note kennst du bereits und trotzdem freust du dich wie ein Schneekönig sie nochmal zu hören. Lauter. Prägnanter. „So klingt Sehnsucht“ wäre noch so eine Zeile, die du unbedingt in den Konzertbericht einbauen musst. Zu dem Großteil der Songs des aktuellen Albums Alligator gesellen sich einige Stücke des Vorgängers Sad Songs For Dirty Lovers und zwischendurch greifen die fünf Musiker sogar zu einigen Nummern des wundervollen Debütalbums und der Cherry Tree-EP. Insbesondere Available, Mr. November, The Geese Of Beverly Road und About Today hauen dich und die Menschen in deiner näheren Umgebung von den Socken. Und natürlich so Zeilen wie „Take all your reasons and take them away / To the middle of nowhere, and on your way home / Throw from your window your record collection /They all run together and never make sense / But that’s how we like it, and that’s all we want /Something to cry for, and something to hunt.“ Sad Songs For Dirty Lovers eben.

Am Ende bist du sogar noch so uncool und bittest den Geiger um eine Setlist und dann war´s das auch schon. Dein Konzert des Jahres. Nun sitzt du hier, du Vollidiot. Sollst einen vernünftigen Bericht über das Konzert schreiben und diesen bloß nicht zu euphorisch und subjektiv werden lassen, weil das ja unprofessionell wirkt. Junge, lass es lieber.
[Sebastian Jegorow]

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