The Hidden Cameras – Awoo



An sich müßte man die Hidden Cameras nicht mehr vorstellen. Schließlich haben sie mit The Smell Of Our Own (2001) und Mississauga Goddamin‘ (2003) zumindest in Indiekreisen viel Lob geerntet und die Musikscouts auf das bis dato vernachlässigte Land Kanada aufmerksam gemacht. Trotzdem, für die Neueinsteiger: Die Hidden Cameras bestehen aus Joel Gibb und seinen wechselnden Mitmusikern. Sie haben sich insbesondere live einen guten Ruf als skurrile Popband erarbeitet, die jedoch trotzdem ernst genommen werden kann beziehungsweise muss. Oh, und ganz wichtig. Joel Gibb ist homosexuell, was in Artikeln über die Hidden Cameras aus irgendwelchen Gründen immer eine zentrale Rolle spielt.

Man könnte hier natürlich den kompletten Artikel an der sexuellen Orientierung des Masterminds aufziehen, doch an sich wäre das Ganze dann recht mager. Denn eigentlich ist die Auseinandersetzung mit Homosexualität hier ungefähr so präsent wie unsere alltägliche Auseinandersetzung mit unserer sexuellen Gesinnung. Der Blick auf die Tracklist läßt beim skurrilen Eyecatcher-Songtitel Hump From Bending zunächst anderes erwarten. Doch selbst da ist die Sache nicht ganz so einschichtig. Keine rosa Hasen hoppeln durch die Gegend und keine Klischees lenken von der Musik ab. Hier geht es nicht um Imagearbeit oder den Aufbau des Exotenstatus im Anthony & The Johnsons oder Boy George-Stile. Hier geht es um das typische Songwriting eines überaus intellektuellen Songwriters, der eben zufällig homosexuell ist und in Liebesliedern lieber Männer besingt.

Die Songs klingen meist nach ganz viel Sonne, flott, jedoch an keiner Stelle abgehoben. An sich eben die Hidden Cameras, die bereits auf den den beiden Vorgängern dem Hörer die tollen Melodien um die Ohren fegten. Wie viel Arbeit und Intellekt in diesen 13 schlichten Popnummern steckt, findet man erst beim genauen Lesen der Songtexte heraus, die selbst den Rezensenten hier bei den ersten Durchgängen völlig überforderten. Hier ist der Songwriter dem Popkritiker weit überlegen. Den Spaß an der Musik verdirbt dies jedoch keinesfalls. Vielmehr entwickelt sich Awoo zu einer Entdeckungsreise, auf der man die zahlreichen Anspielungen auf den Mond, die eigene Einstellung zur Religion und diverse Wortspiele hinter dieser simpel wirkenden Popfassade nach und nach entdeckt. Kleines Beispiel: Bei WAning mOOn sind rein zufällig die Buchstaben, die den Titel der Platte bilden groß hervorgehoben (sogar selbst gemerkt). Laut Gibb bestehen beide Songs zudem sogar aus den gleichen Akkorden. Aha.

Aufgenommen wurden die Songs im letzten Sommer, ehe Gibb nach Berlin zog, und nach dem Sommer klingen sie ebenfalls. Vielleicht ist dies ja der Grund für das Verzögern der Veröffentlichung, denn in dieser Jahreszeit fühlen sich diese verspielten Pophymnen scheinbar am wohlsten. Anfangs feuert Gibb mit seiner Band ein Feuerwerk an großartigen Songs wie Death Of A Tone oder Awoo ab, um bereits mit dem vierten Track Lollipop, auf dem er allen davongalloppiert und damit fast schon an Michael Stipe und sein Ende der Welt erinnert, das definitive Highlight der Platte hinzuschmettern. Was danach folgt ist eine kleine sanfte Verschnaufpause, die Fee Fie heißt, das sonderbares Instrumental Heji, das wohl der coolste Soundtrack für ein Winnetou-Remake wäre, einige wenige Filler, das großartige Hump From Bending und der leise Einbruch des Tages mit The WAning mOOn.

Awoo ist wie ein faszinierender Mensch, dem man zunächst nicht viel zugetraut hat, und den man nach dem Kennenlernen in jeder Sekunde in seiner Nähe haben möchte.
[Sebastian Jegorow]

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