Ryan Adams – Jacksonville City Nights



Ryan Adams scheint ein ganz verzerrtes Zeitgefühl zu haben. Vielleicht ist es ja die Zeit, die ihm übrigbleibt, seitdem die letzte Staffel von Friends zu Ende ging. Oder es ist die Zeit, die er bei der Gesichtspflege spart, seitdem er neuerdings mit dem Harry Rohwohlt Slacker-Bartlook über die Bühnen der Welt — Deuschland mal ausgenommen — torkelt. Fest steht: Ryan Adams bastelt sich mit jedem neuen Release in Windeseile einen weiteren Stein seines Denkmals zurecht.

Bereits beim Count-In des Openers A Kiss Before I Go ist klar, dass Jacksonville City Nights eine gemütliche Angelegenheit wird. Die Stücke auf dem Album sind mehr Country als Cold Roses und Heartbreaker zusammen. Die Pedal Steel begleitet einen Großteil der Songs und die glorreichen Cardinals denken gar nicht daran ihrem Bandleader den Cowboy-Hut abzunehmen. Plötzlich erklingt bei Dear John das Piano und eine bekannte Stimme. Nach kurzem Überlegen steht fest: das ist Norah Jones! Davon war doch im Promozettel nichts zu lesen, nicht einmal ein nerviger Aufkleber, mit dem Hinweis auf den berühmten Gast, klebte auf der CD-Hülle! Nach längerem Studium des Booklets entdeckt man den versteckten Hinweis: Backing Vocals — Norah Jones. Schön.

In den Texten geht es immer noch um Liebe, Freundschaft und den Verlust beider Dinge. Der alte Scheiß wirkt ja immer gut. Würde da nicht so viel Seele hinter stecken, könnte man schon fast von Abklatsch und mangelnder Kreativität sprechen. Aber dann hört man die blutgetränkte Suizidballade Silver Bullets, September, die Uptempo-Nummer Trains, das unbeschreiblich große Withering Heights oder einen der anderen elf Songs und hält lieber die Klappe.

Der Wein ist alle. Die Nächte hier sind momentan lauwarm, aber schön. In der Bar stellt eine ältere Frau im hellblauen Kittel die Hocker auf den Tresen und dimmt das Licht, während Lucinda Williams in der Jukebox leise singt. Wenn du die Straße runtergehst, siehst du die Menschen selbst jetzt noch verstreut. Irgendwo in dieser Stadt stirbt gerade jemand. Allein oder nicht, dem Tod ist´s egal. An der Straßenecke trennt sich ein Pärchen. Zwischen Gehenlassen und Bleibbitte fließen Tränen. Dazwischen irgendwo ein Witz, gefolgt von einem verschluchzten Lächeln. Dann wieder Tränen. Am Ufer kommen andere widerum zusammen und merken nicht einmal, dass du an ihnen vorbeigehst. All dies ist der Mikrokosmos, in dem wir leben und den Adams auf seinen Platten so wundervoll in Worte und Klänge fasst. Ob du ihn nun Jacksonville, Whiskeytown oder Bochum Weitmar nennst. Der alte Kram eben. Liebe ist immernoch Hölle. Und etwas wundervolles sowieso.

Fazit: Am Ende erklingt das tausendste, zugleich aber auch schönste Always On My Mind-Cover, das du je gehört hast. Wieder meldet sich Frau Jones — der halbe Cardinal — zu Wort. Diesmal ist sie leiser. Vielleicht ist es ja nur Einbildung, aber irgendwo ganz weit im Hintergrund ist das Schluchzen von Elvis und Hank zu hören. Vor Ehrfurcht und Rührung. Sie sind eben auch auf den alten Scheiß reingefallen.
[Sebastian Jegorow]

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