Belle & Sebastian – The Life Pursuit



Wieder einmal eine Klausur verhauen, dein Nachbar nervt dich mit seiner Blind Guardian-Kollektion, das Toastbrot ist alle, was deine Freundin zu sagen hat, interessiert dich längst nicht mehr und ihre Katze hat nichts besseres zu tun, als dir ständig auf die Schuhe zu sabbern. Zeit dem Klischee zu folgen, dich zuhause einzuschließen, dich mit Selbstmitleid und Wein zu begießen, Belle & Sebastian aufzulegen und deprimiert die Wand anzustarren. Eine Nacht innehalten und dann auf deine Art weitermachen. Das Leben umkrempeln, feiern, nur noch von Menschen umgeben sein, die etwas in dir bewegen, Mädchen lieben, die dein Herz bluten lassen. Is it wicked not to care?…zumindest für ein paar Wochen.

An sich waren Belle & Sebastian jedoch nicht einmal in den 90ern so wirklich die Musik für Menschen, die ständig rumjammern und für den Notfall die Schlaftabletten in ihrer Hosentasche haben. Introvertierte leise Außenseiter vielleicht, aber depressiv? Glücklich haben sie dich sogar gemacht. Winter Wooskie, I Love My Car…Lauter Happy Songs For Happy People. Das Gerede von der Band für Depressive hat dir deine Freundin auch eingeredet. Doch nun ist ja alles egal, denn Belle & Sebastian sind wieder da. Und das neue Album klingt nach einer Time Life-Compilation mit den besten Songs, die die 60er/70er/80er und 90er nie hervorgebracht haben. Eine Zeitreise, die dir mit The Blues Are Still Blue den Glamrock präsentiert, in We Are The Sleepyheads den Soundtrack eines Softpornos der 70er imitiert und beim schönsten Stück der Platte Dress up in you auf die sanften Belle & Sebastian der 90er referiert.

All dies natürlich im üblichen Belle & Sebastian Mikrokosmos mit souveränen Ohrwürmern an jeder Ecke, der „Jenseits von Jedem Einstellung“ und Geschichten über fremde Menschen, die du sofort zu deinen Freunden zählst. All diese Dinge, die Belle & Sebastian als einzig mögliche Erben der Smiths dastehen lassen. Natürlich ist The Life Pursuit kein The Boy With The Arab Strap. Vermutlich wird es dem Belle & Sebastian Fan auch nicht so sehr an sein Herz wachsen, wie die früheren Alben und EPs. Ob man den Songs auch nach Jahren noch so verfällt, müßen sie erst einmal beweisen. Die Produktion, für die Tony Hoffer (Beck, Supergrass, Grandaddy) zuständig war, hatte großen Einfluß auf den Sound der Band. Fast schon so, als hätte Hoffer dem Nerd um die Ecke einen schicken Haarschnitt verpasst, die Brille gegen Kontaktlinsen eingetauscht und neue Sneakers gekauft. Der kleine Außenseiter wirkt dadurch cooler, bleibt jedoch der alte liebenswerte Kerl. So sind die Songperlen von Stuart Murdoch im Jahre 2006 in eine schicke Hülle eingepackt und strotzen nur so vor Frische. Bestes Beispiel dafür ist die erste Single Funny Little Frog. Und wer sich nach dem sanften Folk der Schotten sehnt oder Isobel Campbell nachtrauert, kann schlicht eine der alten Platten wiederentdecken. Falsch machen kann man bei dieser Band sowieso nichts.

Die Covermädchen sind diesmal herausgeputzt, geschminkt und wie immer wundervoll. Für die Musik gilt an sich fast dasselbe.

[Sebastian Jegorow]

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