Amy Millan – Honey From The Tombs



Freunde des großen kanadischen Famillienstammbaums von Broken Social Scene wurden zuletzt mit gelungenen Platten ihrer Lieblinge zugeschüttet. Erst vor wenigen Wochen erschien Tante Feists neue Platte und auch das letzte Soloalbum von Papa Jason Collett ist nach zwei Monaten noch nicht aus unseren Gehörgängen raus. Nun darf also auch Amy Millan, die Sängerin der Stars, ihre Vorstellung von Musik auf ein Soloalbum pressen.

Diese fällt überaus folkig und schlicht aus. Sanft trällert sich die Kanadierin mit ihrer süßen Stimme durch die zwölf Songs ihrer Platte, wird von Countryklängen begleitet und offenbart beim genauen hinhören eine tieftraurige Seele. Amy Millan beherrscht den musikalischen Dackelblick. Ihre Songs wirken wie große braune Augen, die einen ganz liebtraurig anschauen, ganz viel Wärme versprechen und stundenlanges Reden erübrigen. Sie sind glattgebügelt, jedoch an keiner Stelle überladen oder oberflächlich. Hier darf es hin und wieder etwas düsterer (Come Home Loaded) zur Sache gehen und selbst etwas Bluegrass (Blue In Yr Eye) ist herzlich willkommen. Es soll nicht unbedingt Mädchenmusik für die Youngmiss-Leserin werden, die nach der plötzlichen Flucht ihres Exfreunds in Selbstmitleid ertrinkt, sondern einfach nur gelungener Country-Pop mit dem Hang zum Traurigen. Und wenn die Youngmiss-Leserin denn nun Amy Millan toll findet, die Musik zum Soundtrack ihrer zelebrierten Depression erklärt und sich in ihrem Schoß wohl fühlt, bitteschön.

„Sometimes I feel like my only friend is a whiskey glass“ singt die Kanadierin im wundervollen Baby I und zaubert neben Entzückung zum ersten mal Sorgenfalten auf das Gesicht des Hörers. Die Geister, die du mit Alkohol runterspülst, kommen spätestens am nächsten morgen mit einer neuen Armee an Problemen wieder. Doch diese Lektion lernt der Mensch wohl nie. Als Amy Millan wenige Stücke später einen ganzen Song der Zeile „He brings out the whiskey in me“ widmet und das Album letztlich demonstrativ mit einem tollen Pour Me Up Another beendet, steht es endgültig fest. Herz, deine Liebe ist ungesund, deine Musik jedoch umso schöner.

Selten war ein Albumtitel so passend wie in diesem Fall. It´s Honey From The Tombs. It’s bittersweet.
[Sebastian Jegorow]

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